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Herausgebertätigkeit im Eigenverlag: Überlegungen zu ArtLeaks

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Herausgebertätigkeit im Eigenverlag: Überlegungen zu ArtLeaks Jens Kastner 10 September, 2019 - 12:54

Vor fast einem Jahrzehnt wurde die transnationale Internetplattform ArtLeaksgegründet, um Fälle prekärer Arbeitsbedingungen in der Kunst, Kultur- und Wissensproduktion zu veröffentlichen. Das Hauptanliegen von ArtLeaksist es, arbeitsrechtliche Probleme und die allgemeine Prekarität der Kunst-und Kulturschaffenden zu thematisieren und Fälle von Zensur, Einflussnahme oder anderen Formen der Bedrohung von Kunstschaffenden aufzudecken, die auf anderem Wege nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen würden.[1]

Die Gründung von ArtLeaksfiel in die toxische Phase der Restrukturierung des Kapitalismus nach der weltweiten Finanzkrise 2008. Der Anstieg öffentlicher und privater Schulden, Austeritätspolitik, Bürgerproteste, die Vertiefung des Spalts zwischen Arm und Reich, Klimawandel, Kriege und Flucht dominieren seitdem die Themen des medialen Diskurses. Ein noch frisches Phänomen war damals die Erweiterung der öffentlichen Sphäre durch Inhalte, die über interaktive Internetplattformen und soziale Netzwerke angeboten wurden. Inspiriert von Whistleblower-Plattformen wie WikiLeaks fand sich eine Gruppe von Kunstschaffenden und KunsthistorikerInnen zusammen, um die Medienformate des Internets und die interaktiven Werkzeuge der sozialen Netzwerke für die Belange der Kunst- und KulturarbeiterInnen zu nutzen. 

ArtLeaksveröffentlichte von Beginn an in Englischer Sprache und bearbeitet Themen, die aus dem Blickwinkel der unsichtbaren Arbeit oder „dark matter”[2]des internationalen Kunstbetriebs relevant sind. Der Großteil der künstlerischen und kunst-industriellen Produktion wird heute auf globalem Niveau gehandelt und verhandelt und wie in anderen Sektoren auch besteht hier ein hoher Grad an Arbeitsteilung zwischen Kopf- und Handarbeit, zwischen Vermarktung und (Re)produktion. Selbstverwaltete Vereinigungen in der Kunstproduktion oder selbstorganisierte mediale Plattformen wie ArtLeakslaufen dieser Arbeitsteilung zuwider. Sie vertreten eine Politik der Selbstorganisation auf Ebene der Produktion und stehen zwangsläufig im Widerspruch zu den Apparaten der Kunst- und Finanzwelt, den Auktionshäusern, Sammlern, Banken, großen Museen, Kunstbiennalen und Gentrifizierungsprojekten, die den Auswirkungen der Finanzialisierung direkt unterworfen sind. 

Nur durch den internationalen Ansatz, denArtLeaksvon Anfang an vertrat, war es möglich, sich in diesem Konfliktfeld zu behaupten. Der transnationale Aspekt und die Arbeit außerhalb der nationalen Strukturen sind wichtig, da Arbeit in der Kunst heute global bedingt ist. Die Aktivitäten der Plattform mit Bewegungen und Initiativen von Kunst- und Kulturschaffenden aus den verschiedensten Ländern zu verbinden stand Anfangs im Vordergrund. Nachrichten und Fälle von Missbrauch, die tiefgreifende Widersprüche und Probleme aufdecken, denen Künstlerinnen und Künstler ausgesetzt sind, kommen oft aus relativ isolierten Regionen der sogenannten Peripherie. Den HerausgeberInnen ist es wichtig, gerade den Stimmen von Akteuren aus sozial und ökonomisch schwachen Kontexten Raum zu geben, die schlecht oder gar nicht für ihre Arbeit bezahlt werden. Aber auch aus Österreich haben sich Personen an ArtLeaksgewandt, um Missstände öffentlich zu machen. Dabei ging es um eine mögliche Verletzung des Arbeitsrechts im Fall der Kunsttheoretikerin Suzana Milevska und um antiziganistische Angriffe auf Arbeiten der Künstlerin Marika Schmidt, beide Fälle sind in einer Spezialausgabe nachzulesen.[3]

Die Berichte und Stellungnahmen auf dem Portal werden nach dem Prinzip der demokratischen Teilhabe produziert, das bedeutet, dass die Initiative zur Veröffentlichung von den Betroffenen kommt, aber auch, dass eine mögliche Antwort auf einen offenen Brief publiziert wird. ArtLeaksist ein offenes Kollektiv, für die mit wechselnden GastherausgeberInnen editierten Themenhefte ArtLeaks Gazettewerden Beiträge aus Einsendungen ausgewählt. So wird schrittweise ein Netz an MitarbeiterInnen aufgebaut, wobei die Arbeit an der Plattform und an der Gazette selbstfinanziert ist. Damit erhält sich ArtLeaksseine Unabhängigkeit. Die GründerInnen von ArtLeakssind davon überzeugt, dass nur auf diesem Wege Missbrauch, Zensur und Ausbeutung in der Kunstwelt aufgedeckt werden können, und nur durch gemeinsames Handeln ein neues Organisationsmodell gefunden werden kann, wie sich Kunst- und Kulturschaffende international organisieren können. 

Auch nach neun Jahren bleiben die Bemühungen von ArtLeaksauf die medialen Formen beschränkt, die dem internationalen Austausch von Informationen und Erfahrungen dienen, dem Anprangern von Missständen und dem Aufbauen von öffentlichem Druck. Für einen weiteren Schritt in Richtung Organisierung von Kunst-und Kulturschaffenden wäre die transnationale Koordinierung progressiver Bewegungen nötig, innerhalb derer Plattformen wie ArtLeaks nur einen Teilaspekt darstellen würden. Ein Seminar in Trondheim widmete sich den komplizierten Fragen von länderübergreifenden und über das Kunstfeld hinausgehenden Kooperationen.[4]

 

 

Vladan Jeremić und Rena Rädle sind Kunstschaffende aus Belgrad und MitherausgeberInnen von ArtLeaks.



Dieser Text erscheint in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst (Wien), Nr. 50, Sommer 2019, „Alternative Medien“.
 

 

[1]ArtLeaksging 2010 aus der Zusammenarbeit von Kunstschaffenden aus verschiedenen Ländern hervor, die das Bedürfnis hatten, sich kollektiv mit bestimmten Problemen im Kulturbetrieb zu beschäftigen. Siehe: https://art-leaks.org/about/

[2]Den Begriff „Dark Matter“ hat Gregory Sholette geprägt. Siehe: Gregory Sholette, Dark Matter. Art and Politics in the Age of Enterprise Culture, Pluto press, London, 2010.

[3]Siehe: https://artsleaks.files.wordpress.com/2017/05/artleaks_wall_newspaper2_w.pdf

[4]„Art Production in Restriction. Possibilities ofTransformative Art Production and Coalition-Building”, Seminar in Trondheim, 2015. Für das Fazit des Seminars siehe: http://transformativeartproduction.net/documentation/

German
...

http://www.linksnet.de/artikel/47817

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