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Neue Unsicherheiten in der Pandemie

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Neue Unsicherheiten in der Pandemie
Regierungshandeln und Alltagsbewusstsein in der Krise
harry adler 24 June, 2020 - 12:14

Gut ein halbes Jahr ist vergangen, nachdem das neuartige Virus SARS-CoV-2 im Menschen entdeckt worden ist und sich rasch pandemisch verbreitete. In Europa scheint die erste Phase der exponentiellen Ausbreitung weitgehend durchschritten zu sein. Die Zahl der Neuinfektionen ist niedrig. Doch noch immer sind viele Aspekte des Virus wie die Übertragungswege, die Ansteckungswahrscheinlichkeiten oder die genaue Wirkungsweise im menschlichen Körper unbekannt, ebenso die Zahl der nicht entdeckten Infektionen und damit die tatsächlichen Todesraten. Einen Impfstoff zum Schutz vor Ansteckung und ein Medikament zur erfolgreichen Behandlung einer Infektion gibt es noch nicht. Bis beides in ausreichender Menge zur Verfügung steht, wird die Pandemie gegenwärtig bleiben, zumindest in der Gestalt regional hoher Infektionszahlen, der globalen Gefahr einer möglichen „zweiten Welle“ sowie in Form eines kritischen Wiederanstiegs der Neuinfizierten hierzulande.

Mit dem Virus breitete sich grösste Unsicherheit aus, die Politik und Alltag in einen Ausnahmezustand versetzte. Politik, speziell Regierungspolitik hatte bei hohem Nichtwissen abzuwägen, zu entscheiden, zu handeln, wo weder angebliche „Sachzwänge“ noch fachlicher Rat ausreichend Sicherheiten über die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser oder jener strategischen Orientierung im Umgang mit der Pandemie geben konnten. In bisher ungekanntem Maße wurde Politik experimentell. Gleichzeitig stiegen die Erwartungen, dass staatliche Politik allgemeine Regeln vorgäbe, mit denen der Gefahr begegnet und die Bevölkerung weitestgehend geschützt werden könne. Mit demoskopisch deutlich gewachsenem Vertrauen in die Regierenden und in großem Einvernehmen reagierten die Bürgerinnen und Bürger mit einschneidenden Verhaltensänderungen auf das unsichtbare Virus. Dieses dynamische Wechselverhältnis durchlief bereits mehrere Phasen, in denen sich jeweils die Konstellationen zwischen „Alltag“ und „Politik“, zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und die dominierenden diskursiven Prägungen verschoben haben. Der Meinungs- und Einstellungsforschung gelingt es mit ihren traditionellen Fragestellungen bisher nur unzureichend, Veränderungen im Alltagsbewusstsein und seinen Krisendeutungen abzubilden. Wie es „nach der Pandemie“ sein wird, ist offen, doch zeichnen sich Linien in der Krisendeutung ab, die für die kommenden Konflikte im politischen Feld bedeutsam sein können.[1]

RÜCKBLICK: DIE PHASEN EINES NOCH ANHALTENDEN „GESELLSCHAFTSEXPERIMENTS“

Der politische und alltägliche Umgang mit der Pandemie lässt sich am ehesten im Bild eines Experiments mit zahlreichen Unbekannten beschreiben, wobei die Versuchsanordnung selbst experimentellen Charakter hat und die Teilnehmenden zugleich Subjekt und Objekt sind. Deutschland befindet sich etwa seit Pfingsten in der fünften Phase des Gesellschaftsexperiments, offen ist, wie viele Phasen folgen werden.

In der ersten Phase dominierten Glaube und Hoffnung, dass es sich wie bei den vorherigen neuen Virus-Arten nur um ein Ereignis bei „den Anderen“ im „fernen, asiatischen Osten“ oder in „Schwarzafrika“ handeln würde. Außerdem sei, so die zuständigen Minister, unser Gesundheitssystem gut aufgestellt und Notfallpläne vorhanden. Vermutlich handele es sich aber um einen ganz normalen Grippe-Verlauf. In dieser Phase traf eine Absage von Starkbierfesten und Karnevals-Sitzungen kaum auf Verständnis.

Die zweite Phase begann, als die ersten Fälle in Europa und Deutschland bekannt wurden. Der Fall „Gangelt/Heinsberg“ zeigte: Das Virus ist im Land. Die Ahnung wuchs, dass es dieses Mal anders kommen könnte. Der Landrat von Heinsberg verkündete massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens; der Anteil derjenigen, die befanden, dass für den Bevölkerungsschutz seitens der Behörden nicht genug getan würde, stieg von einem Zehntel Anfang Februar (6. Kalenderwoche – KW) bis Anfang März (10.KW) auf über ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung an. Bis Mitte des Monats verbreiterte sich der öffentliche Ruf nach „härteren Maßnahmen“ des Staates. Erste Computersimulationsmodelle über den möglichen exponentiellen Verlauf und mögliche Todesfälle tauchten auf. Die Bilder aus Nord-Italien verhalfen den Modellen zu eindrücklicher drohender Wirklichkeit. Gleichzeitig wurden Mängel und Knappheiten im Gesundheitssystem – Schutzausrüstung, Beatmungsgeräte – offenbar und breit kommuniziert. Notfallpläne ohne Notfallausrüstung sind nur die Hälfte wert. Angst und Schrecken, das Meinungswissen, einer unkalkulierbaren Bedrohung gegenüberzustehen, wuchs. „Risikogruppen“, insbesondere „die Alten“ wurden vermeintlich sicher identifiziert. Der Ruf nach staatlichen Schutzmaßnahmen führte in einen föderalen Shutdown-Wettbewerb, der bis zu innerdeutschen Einreiseverboten ging. Diese Phase endete mit einem öffentlich verbreiteten Szenario-Papier aus dem Heimat(schutz)ministerium, das im worst case mit mehreren Millionen Toten rechnete. Phase zwei bereitete den Boden für die breite Akzeptanz und den Erfolg der nächsten Phase.

Phase drei zeichnete sich durch einmalige abrupte und tiefe staatliche Eingriffe in das demokratische, soziale, wirtschaftliche und private Leben aus. Überwältigende Zustimmung und Unterstützung in der Bevölkerung wurden flankiert von einer Ansprache der Bundeskanzlerin, die zu gemeinsamen Anstrengungen für ein Ziel warb: flatten the curve, um eine Überlastung des Gesundheitssystems wie in Italien zu verhindern. Das Eintreten des Schreckensszenarios sollte verhindert werden, in dem das Virus auf ein vom Gesundheitssystem tragbares Maß eingedämmt und das alltägliche „Leben mit dem Virus“ bis zur gezielten medikamentösen Behandlung und möglichen Vorsorge-Impfung eingeübt wird. Die Entscheidung für diese Strategie offenbarte, was Politik ist: Situationen entscheiden, in denen es keine fachlichen Gewissheiten gibt, in denen sich die Informationslage täglich ändert, in denen die Interessen und Emotionen höchst unterschiedlich sind. Motive und handgreifliche Ziele wurden kommuniziert, gesellschaftliches Lernen gefördert. Das Vertrauen in die Regierenden schnellte in den Umfragen nach oben; die Maßnahmen der Exekutive fanden über alle Parteigrenzen hinweg ihren parlamentarischen Segen. Die massiven Einschränkungen des alltäglichen Lebens wurden mit wenigen Ausnahmen aus freien Stücken erfüllt. Die öffentlichen Medien berichteten ausführlich über die „Tafeln“ und die Bedeutung des Schulessens für einkommensärmere Familien, über drohende Probleme mit den Mietzahlungen – Berichte, die Solidaritätspotenziale mobilisierten, aber immer auch suggerierten, dass es „anderen“ noch schlimmer ergeht. Die Verhaltensänderungen, Schließungen und Beschränkungen brachten die erhoffte Wirkung. Doch war unklar geblieben, welche Bedingungen für eine Rücknahme erfüllt sein müssten, wie und woran gemessen werden würde, dass „unser Gesundheitssystem“ der Pandemie standhalten würde. Damit wurde eine Diskursverschiebung möglich, die das Ende der dritten Phase beschleunigte: Mit dem Begriff der Lockerung verbreitete sich ein Bild, wonach Schritt für Schritt der Staat seinen harten Würgegriff, die Schutzhaft, in die er das alltägliche, soziale und wirtschaftliche Leben genommen hat, lockern müsste.

Die vierte Phase schlich sich schon vor Ostern heran. Der enge Blick auf das Gesundheitssystem weitete sich. Andere Interessen, vor allem die der mittelständischen Wirtschaft, der Gastronomen, Hoteliers und Ladenbesitzer fanden nun stärker den Weg in die öffentliche Berichterstattung. Die Deutungs- und Verteilungskämpfe nahmen zu. Bund und Länder gerieten wieder aus dem Gleichschritt, mit den ersten Ankündigungen, einzelne Beschränkungen und Verbote aufheben zu wollen, begann eine föderale Lockerungs-Meisterschaft. Angesichts des ausgebliebenen worst case wurden nun unerwünschte Folgen und Nebenwirkungen auf demokratischer, wirtschaftlicher, sozialer und psychologischer Ebene öffentlich diskutiert. Im Mittelpunkt stand die allgemeine Sorge um „die Wirtschaft“. Im Gegenzug nahmen Beifall und Aufmerksamkeit für die „systemrelevanten“ Berufe ab. Den verhinderten Todesfällen wurden die Todesfälle aufgrund verschobener Operationen und Arztbesuche gegenübergestellt. Der Bundestagspräsident wies am Beginn dieser Phase warnend darauf hin, dass erstens nach Verfassungslage die Würde des Menschen Fluchtpunkt aller Abwägungen sein müsse und zweitens nicht alles so weiter gehen dürfe wie vor der Krise. Mit AfD und FDP widerriefen zwei Parteien ihre ursprüngliche politische Haltung und versuchten auf der „Lockerungswelle“ zu surfen, in dem sie auf das „Freiheitsrecht“ pochten, sich vom Staat nichts vorschreiben lassen zu müssen. „Hygiene“-Demonstrationen gegen die „Corona-Maßnahmen“ mit unterschiedlichst motivierten Teilnehmenden erhielten große politisch-mediale Aufmerksamkeit. Die Pandemie-Bekämpfung wurde re-dezentralisiert. Die Seuchenpolitik verlor darüber mehr und mehr die Fähigkeit, die Abwägungen und Motive hinter ihren Entscheidungen zu kommunizieren. Welcher Logik folgen sie, worin liegt der Sinn? Warum darf man wieder shoppen gehen, aber die Schulen bleiben geschlossen? All diese Veränderungen korrespondierten nicht mit einem merklich veränderten Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung: Eine Gefährdung für die eigene Gesundheit sahen in der 13. KW 52% der Befragten, in der 22. KW waren es immer noch 45%. Konstant etwa ein Sechstel der Befragten fürchtet, selbst schwer zu erkranken. Allerdings schwächte sich die Stärke der Sorge vor einer Ansteckung im Mai ab: der Anteil derjenigen mit „sehr großer“ Sorge sank, die Anteil derjenigen mit „großer“ oder „eher großer“ Sorge stiegen. Bis Anfang Juni blieb konstant gut die Hälfte überzeugt, dass es „in den nächsten Monaten eine zweite Corona-Welle geben wird“.

Seit Pfingsten leben wir nun in der fünften Phase, dem Beginn eines disparaten Alltags mit SARS-CoV-2, in dem eher wahllos getestet wird, was wieder geht. Die Zahl der aktuell Infizierten liegt in Deutschland unter 10.000. Der Erfolg bei der Eindämmung schafft immer mehr diskursiven Raum für die Frage, ob „das alles nötig“ war. Dabei betrachtete in keiner Phase bisher mehr als ein Fünftel der Befragten die staatlichen Maßnahmen als „übertrieben“. Doch wachsen Enttäuschung, Verzweiflung, Zorn, weil z.B. „Schulöffnungen“, die nur stunden- bzw. tageweise erfolgen, nicht die nötigen Entlastungen bringen; staatliche Hilfsmaßnahmen laufen aus, aber das „Geschäft“ springt nicht wie erhofft wieder an, weil Einschränkungen und Unsicherheit fortbestehen; finanzielle Reserven sind aufgebraucht, mögliche Mietstundungen ausgeschöpft. Das Auflegen eines Konjunkturprogramms signalisiert, dass es jetzt wieder losgehen soll, die Zeit der Ausfallkompensation vorbei ist. Gleichzeitig fordert der Alltag mit Corona ein deutlich höheres Maß an eigener Verantwortung: Alle sollen sich aus freien Stücken verantwortlich verhalten, damit kein erneuter lockdown nötig wird. Mund-Nasen-Bedeckung und Abstandsregeln sind in einer Mischung aus Pflicht und Gebot eigenverantwortlich einzuhalten. Statt eines unsichtbaren Virus, das sich unsichtbar ausbreitet, geraten nun Personen ins Blickfeld, die „leichtsinnig“ und „unvernünftig“ den „Erfolg verspielen“, das Virus wieder verbreiten: „Baptistengemeinden“ in Frankfurt, Bremerhaven und Vorpommern; „Großfamilien“ in Ostfriesland und Göttingen, „Raver“ auf dem Berliner Landwehrkanal – statt „Risikogruppen“ gilt die öffentliche und private Aufmerksamkeit mehr und mehr „Gefährdern“, epidemiologisch (super-)spreader. Mehr Eigenverantwortung bedeutet auch mehr dezentralisierte und individualisierte Abwägungen. Gegen „Rassismus und Polizeigewalt“ und für die gleiche Würde aller Menschen gemeinsam zu demonstrieren wird mit Gesundheits- und Lebensschutz abgewogen. Die absolute Herrschaft der Pandemie ist vorbei, es gibt wieder erste Nachrichtensendungen, in denen das Wort „Corona“ nicht vorkommt. Wann und wie die aktuelle Phase endet und welche Versuchsanordnung ihr folgt, ist offen. In der Woche nach Pfingsten (23. KW) betrachteten zwei Drittel der Befragten die „jetzt geltenden staatlichen Corona-Maßnahmen“ als „gerade richtig“ und jeweils ein Sechstel als „übertrieben“ oder „zu schwach“. Bei den ersten Lockerungen nach Ostern befand noch mehr als ein Drittel, dass „zu viel“ bzw. „zu schnell“ gelockert würde.

Der bisherige Verlauf des Gesellschaftsexperiments „Pandemie-Bekämpfung“ hat im Alltagsbewusstsein auf einigen Feldern, so lässt sich begründet vermuten, Deutungen und Spuren verstärkt und hervorgerufen, die für kommende politische Kämpfe eine nachhaltige Wirkung haben.

VERÄNDERUNGEN IM ALLTAGSBEWUSSTSEIN?

National distancing und nationale Vertrauensbildung

Die Welt durchlebt mit der „Corona“-Pandemie nahezu im Gleichtakt die größte akute Krise seit Menschengedenken (die in vielen Regionen zu anderen Krisen „obendrauf“ kommt). Die nationalen Regierungen antworten auf die Ausbreitung des neuartigen Virus mit einem hohen Maß an gleichgerichtetem, gleichwohl aber unkoordiniertem Handeln. Bleiben wir in Europa: Bei allen Unterschieden gab es eine frappierende Gemeinsamkeit – der nahezu automatisch erfolgende Rücksturz in national distancing. Der Nationalstaat behauptete seine elementare Aufgabe, für den Schutz der eigenen Bevölkerung bzw. Staatsangehörigen sorgen zu können und zu wollen, gegen andere Nationalstaaten. Reflexhaft kehrten im Schengen-Raum die Schlagbäume und Grenzpolizisten wieder. Das Virus, das keine Grenzen kennt, bedrohte nicht Europäer*innen, sondern Italiener*innen, Franzos*innen, Brit*innen, Deutsche, Pol*innen, Norweger*innen. Am Ende werden Nationalstaaten „durch die Krise gekommen“ sein, die einen „besser“, die anderen „schlechter“. Mit den Grenzschließungen erfüllten die Regierungen spontane Hoffnungen, eine vermeintlich von außen kommende Bedrohung an der Grenze aufhalten zu können, und konstituierten lauter nationale Notgemeinschaften. Im Ernstfall, nicht nur im kriegerischen, schart man sich um die eigene Flagge: Ende Mai bekunden mit 37% der Befragten weniger „Vertrauen“ in die Institutionen der Europäischen Union als am Jahresanfang (40%). Gleichzeitig sprang das Vertrauen in die Arbeit der Bundeskanzlerin von 50% auf 72% der Befragten, das Vertrauen in die Bundesregierung von 34% auf 60%. Und: Wieder sind wir in Deutschland dank unseres besseren Gesundheitssystems und unserer ökonomischen Reserven, die wir für Hilfen und Konjunkturmaßnahmen mobilisieren können, besser durchgekommen als die anderen. Mit dieser Deutung werden die Voraussetzungen für eine kooperative und solidarische Politik besser. Doch gerade jetzt scheint die Bundesregierung in Finanzfragen zu einem solchen Schritt bereit, da die gesamte EU auf der Kippe steht. Wie viel Mittel der EU zusätzlich zur Verfügung gestellt werden, die nicht in nationale Hilfen fließen, wird ein zentraler Aspekt der kommenden Verteilungskämpfe mit hohem rechtspopulistischem Potential. Jenseits dessen fördert die Nationalisierung der Pandemie zudem Zukunftspessimismus gerade auch in mittleren und jüngeren Alterskohorten: Kann man noch auf die Fähigkeit der Nationalstaaten zu kooperativen Handeln angesichts des Klimawandels vertrauen? Auch hedonistische Einstellungen erhalten hier unter Umständen neuen Rohstoff.

Hoffnung auf den (all-)mächtigen Staat

In der Finanzkrise trat der Staat als rettende Instanz für marode Banken in Erscheinung, um die schlimmsten wirtschaftlichen Folgen abzuwenden. In der Migrationskrise verzichtete der (deutsche) Staat auf Grenzschließungen und setzte Teile der staatlichen Infrastruktur und des Alltags einer harten Belastungsprobe aus. In der Corona-Krise nun nimmt der Staat tiefe Eingriffe in das wirtschaftliche, soziale und persönliche Leben vor, deren Folgen – Einkommensverlust, Arbeitsplatzverlust, soziale und psychische Belastungen von Haushalten und Individuen – nicht absehbar waren und sind. Für die Bankenkrise trugen “gierige Banker” die Verantwortung. In der Migrationskrise entschied sich der Staat für Humanität statt Grenzschließung und keiner/keinem Inländer*in ging es deshalb schlechter. Das staatliche Handeln in der Corona-Krise schafft nun aber Millionen “unverschuldet in Not Geratene”. Wer unverschuldet in Not gerät, kann legitimen Anspruch auf Kompensation aus Mitteln der Allgemeinheit geltend machen. Diese Ansprüche zu ignorieren, stürzte den Staat, also hier das demokratische System, in eine tiefe Vertrauenskrise. Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der staatlichen Institutionen ist aber eine entscheidende Ressource, um die absehbaren wie unvorhersehbaren, in jedem Fall in hohem Maße unkalkulierbaren Krisen zu bewältigen. Was jetzt noch Vertrauen in die staatliche Regulierung ist, kann schnell umschlagen in weitere Abwendung, Verbitterung und Wut. Denn: Den tiefen Eingriff in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben federt ein historisch einmaliges staatliches Hilfsprogramm („Bazooka“) ab und ein eben solches Konjunkturprogramm („Wumms“) soll herausführen. Der Markt regelt nichts, der Staat demonstriert finanzielle Allmacht – Was, wenn‘s nicht gelingt? Allgemein werden die Erwartungen an regulierendes und kompensierendes staatliches Handeln wachsen: Bei „Corona“ ging‘s doch auch, warum nicht jetzt hier? Noch hält der kollektive Schockzustand, doch untergründig schwelt es bereits: Wie kann es sein, dass plötzlich Hunderte von Milliarden Euro vorhanden sein sollen, wo es doch jahrzehntelang hieß, dass für Schulen, Bäder, Pflegeheime usw. kein Geld vorhanden sei? Und wer zahlt dafür?

Die Krise fühlt sich unterschiedlich an – Soziale Ungleichheit, Geschlechter- und Klassenverhältnisse der Arbeitswelt

In der Krisenwahrnehmung gibt es bis heute nur „sanfte“ sozio-demografische Konturen. Unter 30jährige sahen die gesundheitliche Bedrohung leicht unterdurchschnittlich „sehr ernst“, 50-59jährige überdurchschnittlich, Frauen nahmen die Bedrohung etwas ernster als Männer. Befragte mit niedriger formaler Bildung nahmen die Lage häufiger als „sehr ernst“ wahr als Befragte mit hoher formaler Bildung (67% zu 56%). Nennenswerte Unterschiede in der Einschätzung der Bedrohung nach Einkommensklasse wurden zunächst nicht festgestellt werden. In einer Erhebung für die SINUS-Milieus Ende März stellt sich heraus, dass die Bedrohung im oberen „konservativ-etablierten Milieu“ des „klassischen Establishment“, dem klassischen Besitz- und Bildungsbürgertum, die Bedrohung unterdurchschnittlich ernst genommen wurde, ebenso in der traditionellen „bürgerlichen Mitte“ und in den unteren Milieus der „Traditionellen“ und „Prekären“. Im liberal-intellektuellen Milieu des neuen Bildungsbürgertums, im jungen oberen Milieu der „ambitionierten kreativen Avantgarde“ sowie im „sozialökologischen Milieu“ der Mitte wurde die Lage ernster eingeschätzt. Damit zeichnete sich grob ein horizontal geteiltes Wahrnehmungsmuster ab, wie es aus Einstellungen zur „Globalisierung“ bekannt ist.

Ein Drittel der Befragten berichtete in der Woche vor Pfingsten, dass ihr Alltagsleben nur begrenzt eingeschränkt werde, fast zwei Fünftel nannten die Auswirkungen auf ihr persönliches Leben gravierend, aber angemessen. Gravierende persönliche Einschränkungen, die als überzogen bewertet werden, wurden besonders für Selbstständige, Freiberufler*innen und einkommensschwächere Schichten ermittelt: Der Lockdown schafft eine objektive „proletaroide“ Gemeinsamkeit zwischen denen, deren Einkommen ohnehin gering und deren Rücklagen nicht vorhanden sind, und denen, die in ihrer Selbstständigkeit stark auf den tagesaktuellen Umsatz, das Tagewerk angewiesen sind – die Krise ist in kürzester Zeit existentiell, die staatliche Hilfe aufgezehrt oder gar nicht erst vorhanden. Im Falle von Selbstständigen kommt der verletzte Stolz auf die Selbstständigkeit hinzu: Der Staat machte mein Geschäft kaputt.

Eine weitere Trennlinie konturiert sich entlang des Arbeitsortes: der in moderne Heimarbeit ausgelagerte Betrieb, das stillgelegte Unternehmen mit Kurzarbeit und die betriebsgebundenen Berufe der Grundversorgung, der Sozialen Arbeit, Gesundheit usw. Zukunftsträchtig erscheint vor allem der Kampf um die moderne digitalisierte Heimarbeit, die dort, wo die räumlichen wie sozialen Voraussetzungen (Kita, Schule, partnerschaftliche Aufgabenverteilung) fehlen, schnell zur neuen Arbeitsqual wird, andererseits Betriebs- und Mobilitätskosten sowie Wegezeiten erspart und neue „Vereinbarkeiten“ zulässt. Für die unmittelbaren Gesundheitsberufe könnte sich bei der weiteren Krisenverarbeitung eine Konstellation ergeben, die Verbesserungen vor allem bei der Personal- und Ressourcenausstattung ermöglicht. Bei den anderen „systemrelevanten“ Berufen, den Reinigungsfrauen, den Altenpflegerinnen, den Kassiererinnen, den Müllwerkern, Fahrern und Fahrerinnen im öffentlichen Nahverkehr, den Truckern usw. stehen die Chancen auf mehr als eine kurzzeitig höhere Wertschätzung schlecht. Denn eine dauerhafte Besserstellung bei Löhnen und Einkommen würde eine grundsätzliche Veränderung in der Lohnhierarchie zwischen den un- und angelernten Berufen, den Fachberufen und akademischen Abschlüssen voraussetzen (Ausnahme: Altenpflege), sprich: eine Verkleinerung der Abstände und damit einen relativen Verzicht der alten und neuen akademischen Schichten zugunsten einer diversen, vielfach migrantischen Minderheit.

Völlig offen erscheint die zukünftige Dynamik entlang der ältesten Konfliktlinie, der Verteilung der Haus- und Sorgearbeiten auf die Geschlechter. So wie „Vereinbarkeit“ eigentlich immer als Politik für Frauen verstanden wurde, sind nun sie es, die weit überdurchschnittlich zu Hause bleiben, sich um die Kinderbetreuung kümmern oder neben Heimarbeit auch die häusliche Beschulung übernehmen. Jutta Allmendinger spricht in einem Fernsehinterview von einem abrupten Rückfall in die Verhältnisse der alten Bundesrepublik.

Kitas und Schulen als kritische Infrastrukturen

Erheblicher Veränderungsdruck liegt auf den Kindergärten und Schulen. Durch ihre Schließung fielen die bereits vor der Krise aufgelaufenen Mängel noch viel stärker ins Auge. Seit Beginn der staatlichen Einschränkungen war eine Mehrheit der Befragten immer der Meinung, dass für (die Öffnung der) Kitas und Schulen nicht genug getan würde. Diese Ansicht speist sich aus voneinander unabhängigen Quellen: Kitas und Schulen sind in den Alltag von (erwerbstätiger) Eltern als Institutionen der Betreuung und Versorgung fest eingeplant, das Mittagessen viel zu oft auch aus finanziellen Gründen. Die Schulen sind Lernorte, an denen soziale Ungleichheiten ausgeglichen werden können, die sich bei der heimischen Beschulung aus materiellen wie kulturellen Gründen verschärfen. Zugleich gelten sie als entscheidende Instanz für den Erwerb der grundlegenden Zugangszertifikate für Ausbildung, Beruf und Sozialstatus. 63% der Eltern mit niedriger formaler Bildung machten sich im April Sorgen, dass ihre Kinder in der Schule den Anschluss verlieren könnten, gegenüber 45% der Eltern mit hoher formaler Bildung. Kitas und Schulen sind soziale Ort der kindlichen Vergemeinschaftung: Die Schließung belastet auch die Kinder. 77% der Eltern gaben in der Allensbach-Umfrage an, dass ihre Kinder unter den Einschränkungen leiden, 41% sprechen sogar von erheblichem Leidensdruck.

Emotionale und psychische Belastungen sind enorm

Die mit der Pandemie und den Abwehrmaßnahmen verbundenen emotionalen und psychischen Belastungen sind enorm und in ihren mittel- und langfristigen Wirkungen schwer kalkulierbar. Dabei geht es nicht nur um die Flucht in Verschwörungserzählungen. Es beginnt mit der Angst, wegen der Ansteckungsgefahr in die Arztpraxis oder ins Krankenhaus zu gehen. Erste Zahlen deuten auf erhebliche „Kollateralschäden“ durch verschleppte Herzinfarkte, abgesagte Operationen, unterlassene Krebsbehandlungen u.a.m. Tief einprägen dürfte sich auch das entwürdigte Sterben in der Isolation von Krankenhäusern und Pflegeheimen – ohne Besuchsmöglichkeit der Anverwandten, ohne Abschied, ohne Trauerfeier. Ähnlich einschneidend wirken die Besuchsverbote in Pflegeheimen für beide Seiten. Neben den Kontaktverboten sind es die messbaren psychischen Belastungen im Haushalt sowie das Leben in Unsicherheit mit einem „unsichtbaren Feind“. Für die deutsche Gesellschaft gibt in den letzten siebzig Jahren kein vergleichbares Ereignis, das zur Abschätzung der Folgen herangezogen werden könnte. Zwar forderte die „Hongkong-Grippe“ 1968–70, die letzte globale Influenza-Pandemie, an die sich die Älteren unter uns noch erinnern, in der alten Bundesrepublik um die 40 000 Tote, jedoch reagierten Staat und Politik damals völlig anders.

Zuerst erschienen in LuXemburg Online, WAS HEISST SOLIDARITÄT IN ZEITEN DER PANDEMIE? – ONLINE-SCHWERPUNKT, Juni 2020

ANMERKUNG

[1] Die Spekulationen in diesem Essay stützen sich auf die Ergebnisse des ARD-DeutschlandTrends (Infratest dimap) und des ZDF-Politbarometers (Forschungsgruppe Wahlen) von Februar bis Juni 2020 sowie einige zwischenzeitliche „Extras“ beider Institute. Das „Krisenbarometer“ der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde berücksichtigt und Ergebnisse einer FORSA-Umfrage für ntv von Ende April sowie eine Allensbach-Erhebung für die FAZ vor Pfingsten. Speziell zur Lage von Eltern und Kindern zudem die Erhebung von Infratest dimap für die Vodafone-Stiftung „Unter Druck“ sowie eine online-Befragung für das Deutsche Jugendinstitut „Kindsein in Zeiten von Corona“. Für eine eher polit-ökonomisch angelegte Analyse der gegenwärtigen experimenteller Politik sei verwiesen auf den Beitrag von Lia Becker und Alex Demirovic: Gelockert in eine neue Normalität der Krise? Überlegungen zu einer emanzipatorischen Pandemie-Bekämpfung, Mai 2020, auf dieser Webseite.

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