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Covid-19 und der Katastrophenkapitalismus

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Covid-19 und der Katastrophenkapitalismus
Internationale Warenketten und ökologisch-epidemiologisch-ökonomische Krisen
Gerd Wiegel 4 September, 2020 - 16:26

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Der Kapitalismus geht mit einer enormen ökologischen, epidemiologischen und ökonomischen Fragilität einher. Durch die aktuelle Covid-19-Pandemie wird dies deutlicher denn je. Mit Beginn des dritten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts erleben wir, wie die strukturelle Krise des kapitalistischen Systems planetarische Dimensionen einnimmt und zunehmend mit der Entstehung eines globalen Katastrophenkapitalismus einhergeht.

Seit dem späten zwanzigsten Jahrhundert hat die kapitalistische Globalisierung zunehmend die Form von miteinander verknüpften Warenketten eingenommen. Kontrolliert von multinationalen Firmen verbinden sie die überwiegend im globalen Süden liegenden Produktionszonen mit den überwiegend im globalen Norden zu findenden Zentren des Weltkonsums, der Finanzindustrie und der Kapitalakkumulation.[1] Solche Warenketten bilden im Wesentlichen die materiellen Kreisläufe des globalen Kapitals. Mit ihnen geht zugleich das Phänomen des mit dem Aufstieg des allgemeinen Monopol-Kapitalismus verbundenen Spätimperialismus einher. Dieses System basiert auf der Aneignung exorbitanter Gewinne, die durch die Kontrolle der globalen Produktion erwirtschaftet werden: Dies geschieht sowohl mittels der Ausnutzung globaler Lohnunterschiede (global labor arbitrage) und der damit einhergehenden Überausbeutung der industriellen Arbeit in der Peripherie durch die im Zentrum des Systems stehenden multinationalen Konzerne, als auch durch die Ausnutzung von globalen Landpreisunterschieden (global land arbitrage), mittels derer sich Agrarfirmen billiges Land und billige Arbeit aus dem globalen Süden aneignen, um hauptsächlich für den Verkauf im globalen Norden bestimmte Exportpflanzen herzustellen.[2]

Um die komplexen Kreisläufe des Kapitals in der gegenwärtigen globalen Ökonomie zu beschreiben, wird im Management sowohl von Lieferketten als auch von Wertschöpfungsketten gesprochen. Während mit Lieferketten vor allem die Bewegung der materiellen Produkte bezeichnet wird, zielt der Ausdruck Wertschöpfungsketten auf den an jedem Knotenpunkt der Kette – vom Abbau der Rohmaterialien bis zur Herstellung des fertigen Produkts – „hinzugefügten“ Wert.[3] Dieser doppelte Zugriff auf Liefer- und Wertschöpfungsketten ähnelt durchaus dem dialektischen Ansatz von Karl Marx. Marx hatte im ersten Band des „Kapitals“ in seiner Analyse der Warenketten in Produktion und Austausch den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchs- und Tauschwert herausgearbeitet. Dabei sind der natürlich-materielle Aspekt der Ware in seiner Naturalform als Gebrauchswert sowie sein sozial-ökonomischer Aspekt als in der jeweiligen Wertform ausgedrückter Tauschwert „ein Glied … in der allgemeinen Metamorphosenreihe der Warenwelt.“[4] Marx’ Ansatz wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Rudolf Hilferding in seinem Werk „Finanzkapital“ weitergedacht („Warenaustauschprozess“[5]).

In den 80ern wurde von den Weltsystemtheoretikern Terence Hopkins und Immanuel Wallerstein das Warenkettenkonzept innerhalb der marxistischen Theorie erneut zur Diskussion gestellt.[6] Was jedoch in späteren Warenkettenanalysen der marxistischen und Weltsystemtheorie verloren ging war der materiell-ökologische Aspekt der Gebrauchswerte. Die Warenketten wurden als ein exklusiv ökonomisch-tauschwertspezifisches Phänomen behandelt.

Marx hingegen hatte die natürlich-materiellen Grenzen und Rahmenbedingungen des Kapitalkreislaufs stets im Blick behalten. So betonte er „die negative, das ist die zerstörerische Seite“ der kapitalistischen Wertschöpfung im Hinblick auf die natürlichen Produktionsbedingungen und den Stoffwechsel der menschlichen Gattung mit der Natur als Ganzem.[7] Er diagnostizierte einen „unheilbaren Riß … in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und durch die Naturgesetze des Lebens vorgeschriebenen Stoffwechsels“, der das zerstörerische Verhältnis des Kapitalismus zur Erde ausmachte. Dieser Riss im Stoffwechsel zeigte sich in der Auslaugung der Böden und der erzwungenen Düngung englischer Felder mit [südamerikanischem] Guano ebenso wie in den aus den organischen Widersprüchen des Systems resultierenden „periodische(n) Epidemien“.[8]

Um die gegenwärtigen kombinierten ökologischen, epidemiologischen und ökonomischen Krisentendenzen des Spätimperialismus zu verstehen, braucht es genau einen solchen theoretischen Rahmen, der in der Lage ist, mittels des Einbezugs sowohl der Gebrauchs- als auch der Tauschwerte den Doppelcharakter und die widersprüchlichen Formen der Warenketten in den Blick zu nehmen. Ein solcher Blick ermöglicht es, den Zusammenhang der Ätiologie [meint hier: die Hervorbringung der Entstehungsbedingungen, a.d.Ü.] von Krankheiten durch die Agrarindustrie mit den Kapitalkreisläufen des Spätimperialismus und die damit verbundene Entstehung der Covid-19-Pandemie zu verstehen.

Aus derselben Perspektive, allerdings mit Fokus auf die Warenketten, lässt sich auch verstehen, wie die Unterbrechung des Flusses der Gebrauchswerte in der Form materieller Güter und die damit einhergehende Unterbrechung des Wertflusses eine ernsthafte und bleibende ökonomische Krise hervorbringen konnte. Im Ergebnis wird so eine bereits stagnierende Wirtschaft ans äußerste Limit gebracht, wodurch der finanzielle Überbau des Systems zusammenzubrechen droht.

Letztlich liegt hinter all dem ein sehr viel größerer planetarischer Riss, der durch den heutigen Katastrophen-Kapitalismus hervorgerufen wird und der sich im Klimawandel und in der Überschreitung vielfältiger planetarer Belastungsgrenzen zeigt. Die gegenwärtige epidemiologische Krise ist nur eine weitere dramatische Manifestation dieses Prozesses.

Kapitalkreisläufe und ökologisch-epidemiologische Krisen

Bemerkenswerterweise entstand unter dem Begriff One Health – One World während des letzten Jahrzehnts eine neue, ganzheitlichere Herangehensweise an die Ätiologie von Krankheiten. Dies geschah vor allem als Reaktion auf das Auftreten neuerer zoonotischer Krankheiten (oder Zoonosen) wie SARS, MERS und H1N1, die von nichtmenschlichen, wildlebenden oder domestizierten Tieren auf den Menschen übertragen wurden. Das One Health-Modell stellt die epidemiologische Analyse auf eine ökologische Basis und bringt so Umweltwissenschaftler, Ärzte, Tierärzte und Public Health-Experten innerhalb eines global denkenden Ansatzes zusammen.

Dieser Ansatz, der mit seinem ursprünglich ökologisch motivierten Rahmenwerk einen umfassenderen Beitrag zur Bekämpfung von Zoonosen darstellt, wurde zunehmend von dominanten Organisationen wie der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation und den US-Centers for Disease Control and Prevention übernommen und dabei seines kritischen Potentials beraubt. Sie machten den interdisziplinären Ansatz von One Health damit zu einem einfachen Werkzeug, um solch differierende Interessen wie die öffentliche Gesundheit, den privaten Gesundheitssektor, die Tiermedizin, die Agrarindustrie und die Pharmaindustrie zusammenzubringen. In dieser Form wirkt der Ansatz jedoch vor allem dahingehend, die Reaktion auf so genannte episodische Epidemien zu verstärken und gleichzeitig den Aufstieg einer breit angelegten korporatistischen Strategie zu fördern, in der das Kapital, insbesondere das Agrobusiness, das dominierende Element ist. Dies führt letztlich dazu, dass in einem vorgeblich ganzheitlichen Modell die Verbindungen zwischen den epidemiologischen Krisen und der kapitalistischen Weltwirtschaft systematisch heruntergespielt werden.[9]

Als Antwort darauf entstand unter dem Begriff Structural One Health ein neuer, revolutionärer Ansatz der Ätiologie von Krankheiten, der auf dem One Health-Konzept aufbaut, aber in einer breiteren, historisch-materialistischen Tradition verwurzelt ist. Für die Verfechter der Structural One Health besteht der Kernpunkt darin, herauszufinden, wie Pandemien in der heutigen globalen Wirtschaft mit jenen Kapitalkreisläufen verbunden sind, die die Umweltbedingungen rasch verändern. Erschienen ist dazu eine ganze Reihe von Aufsätzen eines Teams von Wissenschaftler*innen (u.a. Rodrick Wallace, Luis F. Chaves, Luke R. Bergmann, Constância Ayres, Lenny Hogerwerf, Richard Kock, Robert G. Wallace) etwa hinsichtlich Clear-Cutting Disease Control: Capital-Led Deforestation, Public Health Austerity, and Vector-Borne Infection  oder jüngst zu COVID 19 und den Kapitalkreisläufen (von Robert G. Wallace, Alex Liebmann, Luis Fernando Chaves und Rodrick Wallace) in „Monthly Review“, Mai 2020. Structural One Health wird von ihnen definiert als „ein neues Gebiet, [das] die Auswirkungen globaler Kapitalkreisläufe und anderer grundlegender Zusammenhänge, einschließlich einer ausführlichen Kulturgeschichte, auf die regionale Agrarökonomie sowie damit verbundene inter-spezies Krankheitsdynamiken untersucht.“[10]

Dieser revolutionäre, historisch-materialistische Ansatz unterscheidet sich von der Mainstream-Betrachtungsweise dadurch, dass 1) Warenketten als Treiber der Pandemie in den Blick genommen werden; 2) der übliche Ansatz „absoluter Geographien“, der sich auf bestimmte Orte konzentriert, an denen neue Viren auftauchen, ohne die globalen wirtschaftlichen Übertragungswege wahrzunehmen, verworfen wird; 3) die Pandemie nicht als ein episodisches Problem oder ein zufälliges Schwarzer-Schwan-Ereignis, sondern als Reflektion der generellen strukturellen Krise des Kapitals im Sinne von Mészáros „Beyond Capital“[11] verstanden wird; 4) der Ansatz der dialektischen Biologie aus Richard Levins und Richard Lewontin u.a. in „The Dialectical Biologist“ übernommen wird und schließlich 5) indem auf die radikale Rekonstruktion der Gesellschaft als ganzer in Richtung eines nachhaltigen „planetarischen Metabolismus” bestanden wird.[12]

Auf eine ähnliche Weise hat Robert G. Wallace bereits in „Big Farms Make Big Flu“ und anderen Schriften auf Marxʼ Auffassung von Warenketten und dem metabolischen Riss sowie auf das Lauderdale Paradox (nach dem private Reichtümer nur durch die Zerstörung des öffentlichen Reichtums angehäuft werden) zurückgegriffen, um im Zusammenhang von Agrar- und Pharmaindustrie eine Kritik an Sparmaßnahmen und Privatisierung zu formulieren. Denker in dieser kritischen Tradition setzen eine dialektische Herangehensweise an die ökologische Zerstörung und die Ätiologie von Krankheiten.[13]

Selbstverständlich ist diese neue historisch-materialistische Epidemiologie nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf einer langen Tradition sozialistischer Kämpfe und kritischer Analysen von Epidemien. Dies beinhaltet historische Beiträge wie etwa 1) Engels „Lage der arbeitenden Klasse in England“, die bereits die Klassendimension infektiöser Krankheiten benennt; 2) die Marxschen Diskussionen zu Epidemien und allgemeinen Gesundheitsbedingungen im „Kapital“; 3) den vom britischen Zoologen E. Ray Lankester (der ein Protegé von Charles Darwin und Thomas Huxley sowie ein Freund von Marx war) in seinem Werk „Kingdom of Man“ (1907) vorgenommenen Untersuchungen zur Behandlung der anthropogenen Krankheitsquellen und ihrer Grundlage in der kapitalistischen Landwirtschaft, den Märkten und dem Finanzwesen sowie 4) Levins’ „Is Capitalism a Disease?“[14]

Besonders wichtig in der neuen historisch-materialistischen Epidemiologie, die mit der Structural One Health verbunden ist, ist die ausdrückliche Anerkennung der Rolle der globalen Agrarindustrie und die Integration einer detaillierten Forschung zu jedem Aspekt der Ätiologie von Krankheiten, wobei der Schwerpunkt auf den neuen Zoonosen liegt. Solche Krankheiten, so Rob Wallace bereits in „Big Farms Make Big Flu“, seien das „unbeabsichtigte biotische Resultat von Bestrebungen, die darauf abzielten, die Ontogenese und Ökologie von Tieren in Richtung auf eine multinationale Rentabilität zu steuern“, wobei neue tödliche Krankheitserreger erzeugt würden.[15] Übersee-Farmen, die aus Monokulturen genetisch ähnlicher Tiere bestehen und so natürliche Immun-„Feuerschneisen“ beseitigen (darunter große Schweine- und Geflügelfarmen), haben in Verbindung mit rascher Entwaldung und der chaotischen Vermischung von Wildvögeln und anderen Wildtieren mit der industriellen Tierproduktion (wie dies etwa auf den sogenannten Wet Markets geschieht) die Bedingungen für die Verbreitung neuer tödlicher Krankheitserreger wie SARS, MERS, Ebola, H1N1, H5N1 und nun SARS-CoV-2 hervorgebracht. Mehr als eine halbe Million Menschen weltweit starben an H1N1, während die Todesfälle durch SARS-CoV-2 diese Zahl wahrscheinlich weit übersteigen werden.[16]

„Agrarunternehmen“, schreibt Wallace, „verlagern ihre Unternehmen in den globalen Süden, um billige Arbeitskräfte und billiges Land zu nutzen“, und „verteilen ihre Produktionslinie so über die ganze Welt“.[17] Geflügel, Schweine und Menschen interagieren und erzeugen so neue Krankheiten. „Grippewellen“, so Wallace, „entstehen heute innerhalb eines globalisiertes Netzwerks von Firmen, die Futtermittel produzieren und handeln und innerhalb dessen sich spezifische Stämme meist zuerst entwickeln. Mit Geflügel und Vieherden, die von Region zu Region getrieben werden – wobei sich die räumliche Entfernung in Just-in-Time-Berechnungen verwandelt – werden regelmäßig vielfältige Virusstämme in Orte mit Populationen dafür empfänglicher Tiere eingeschleppt.”[18] Es hat sich gezeigt, dass großflächige kommerzielle Geflügelbetriebe eine viel höhere Wahrscheinlichkeit haben, diese virulenten Zoonosen zu beherbergen. Die Wertschöpfungskettenanalyse wurde eingesetzt, um die Ätiologie neuer Grippeviren wie H5N1 entlang der Warenkette der Geflügelproduktion nachzuvollziehen.[19] So konnte die Entstehung der Grippe im südlichen China zurückgeführt werden auf den Kontext „einer ‚historischen Gegenwart’“. Innerhalb dieser „entstehen multiple virulente Rekombinanten aus einem Gemisch von agrarischen Ökosystemen unterschiedlichster (historischer) Zeiten (a mélange of agroecologies originating at different times), die ebenso pfadabhängig wie kontingent miteinander interagieren. Im Fall von H5N1 etwa aus dem Zusammenspiel aus Antike (Reis), früher Neuzeit (halbdomestizierte Enten) und Gegenwart (Intensivierung der Geflügelproduktion)“. Diese Analyse wurde auch von radikalen Geograph*innen wie Bergmann erweitert, die sich mit „der Konvergenz von Biologie und Wirtschaft über eine einzige Warenkette hinaus bis hinauf in das Gefüge der globalen Wirtschaft“ befassen.[20] Die miteinander verbundenen globalen Warenketten der Agrarindustrie, die die Grundlage für das Auftreten neuartiger Zoonosen bilden, sorgen dafür, dass diese Krankheitserreger rasch von einem Ort zum anderen wandern. Da die menschlichen Wirte sich innerhalb von Tagen, ja sogar Stunden von einem Teil der Erde zum anderen bewegen, können auch die Keime diese Ketten der menschlichen Mobilität und Globalisierung nutzen. Wallace und Kollegen schreiben dazu: „Einige Krankheitserreger entstehen direkt in den Zentren der Produktion (...). Aber viele wie COVID-19 haben ihren Ursprung an den Grenzen der Kapitalproduktion. Tatsächlich entstehen mindestens 60 Prozent der neuartigen menschlichen Krankheitserreger, indem sie von Wildtieren auf lokale menschliche Gemeinschaften überspringen (bevor die erfolgreicheren sich auf den Rest der Welt ausbreiten). Im Hinblick auf die Verbreitung solcher Krankheiten halten sie zusammenfassend fest: „Die zugrundeliegende operative Prämisse ist, dass die Ursache von COVID-19 und anderen derartigen Krankheitserregern nicht nur im Umfeld eines einzelnen Infektionserregers oder in seinem klinischen Verlauf zu finden ist, sondern auch im Bereich der ökosystemischen Beziehungen, die das Kapital und andere strukturelle Ursachen zu ihrem eigenen Vorteil umgestaltet haben. Die große Vielfalt an Krankheitserregern, die verschiedene Taxa, Quellenwirte, Übertragungswege, klinische Verläufe und epidemiologische Ergebnisse repräsentieren, haben alle Kennzeichen, die dazu führen, dass wir bei jedem Ausbruch wie verrückt zu unseren Suchmaschinen rennen, um dieselben Abschnitte und Wege entlang der gleichen Arten von Kreisläufen der Landnutzung und Wertanhäufung wiederzufinden.[21]

Die imperialistische Restrukturierung der Produktion im späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert – auch als Globalisierung bezeichnet – war vor allem das Resultat der Ausnutzung globaler Lohnunterschiede sowie der Über- und Superausbeutung der Lohnarbeitskräfte des Globalen Südens. Sie nimmt die bewusste Verschmutzung der lokalen Umwelt in Kauf und erfolgt überwiegend zum Vorteil der globalen Kapital- und Finanzzentren. Dieser Prozess wurde auch von der zeitgleichen Ausnutzung globaler Landpreisdifferenzen durch die multinationale Agrarindustrie vorangetrieben.

Im „Foodie’s Guide to Capitalism“ weist Eric Holt-Giménez darauf hin, dass der Landpreis in weiten Teilen des globalen Südens „im Vergleich zur Bodenrente (der Wert des Landes im Hinblick auf das, was auf ihm produziert werden kann) so niedrig ist, dass das Einstreichen der Differenz zwischen niedrigem Preis und hoher Bodenrente den Investoren einen ordentlichen Profit beschert. Jegliche Vorteile, die aus dem tatsächlichen Anbau von Pflanzen bestehen, sind für diesen Deal nur nebensächlich (...). Gelegenheiten zur Landarbitrage ergeben sich, wenn neues Land – mit einer attraktiven Bodenrente – auf den globalen Grundstücksmarkt gebracht wird, wo die Rente tatsächlich kapitalisiert werden kann.“[22]  Ein großer Teil dieser Kapitalisierungsprozesse speist sich dabei aus dem, was auch die „Vieh-Revolution“ genannt wird, die auf der Grundlage von riesigen Futterressourcen und genetischen Monokulturen Vieh zu einer globalisierten Ware gemacht hat.[23]

Diese Bedingungen wurden von den verschiedenen Entwicklungsbanken im Rahmen von euphemistisch als „territoriale Umstrukturierung“ bezeichneten Maßnahmen gefördert. Diese „Umstrukturierungen“ beinhalten die Vertreibung von Subsistenzbauern und Kleinproduzenten auf Geheiß multinationaler Konzerne, in erster Linie der Agrarindustrie, sowie die rasche Abholzung und Zerstörung von Ökosystemen. Diese Formen der Landaneignung (des landgrabbing) wurden durch die hohen Preise für Grundnahrungsmittel im Jahr 2008 und erneut im Jahr 2011, sowie durch den Einsatz privater Vermögensfonds, die angesichts der Unsicherheit nach der Großen Finanzkrise von 2007/2009 nach stabilen Sachwerten suchten, beschleunigt. Das Ergebnis ist eine der größten Migrationsbewegungen in der menschlichen Geschichte: Menschen werden in einem globalen Prozess der Entbäuerlichung (Depeasantization) von ihrem Land und in die urbanen Slums getrieben, während sich dabei die Agrarökologie ganzer Regionen verändert und traditionelle Formen der Landwirtschaft durch Monokulturen ersetzt werden.[24]

Wallace und seine Kollegen weisen darauf hin, dass der Historiker und Stadttheoretiker Mike Davis und andere „herausgefunden haben, wie diese sich neu verstädternden Landschaften sowohl als lokale Märkte als auch als Durchgangsorte und regionale Drehscheiben für globale Agrarrohstoffe fungieren (...). Im Ergebnis führt dies dazu, dass die Dynamik der Waldkrankheiten, die urzeitlichen Quellen der Krankheitserreger, nicht mehr nur auf das Hinterland beschränkt bleiben. Die mit ihnen verbundenen Epidemien sind selbst relational, spürbar entlang der Achsen von Zeit und Raum geworden. Ein SARS Virus kann sich – nur wenige Tage nachdem er aus seiner Fledermaushöhle gekrochen ist – plötzlich unter den Menschen einer Großstadt ausbreiten.“[25]

Unterbrechung der Warenketten und globaler „Peitscheneffekt“

Die neuen Pathogene, die unbeabsichtigt von der Agrarindustrie hervorgebracht werden, sind für sich genommen keine natürlich-materiellen Gebrauchswerte. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um toxische Nebenprodukte des kapitalistischen Produktionssystems, die sich auf die Warenketten der Agrarindustrie als Teil des globalisierten Ernährungsregimes zurückführen lassen.[26] Doch nun haben – in einer Art metaphorischer ‚Rache’ der Natur, wie bereits von Engels und Lankester geschildert – die Welleneffekte der kombinierten ökologischen und epidemiologischen Katastrophe wesentlich zur Entstehung der Covid-19-Pandemie beigetragen und damit das gesamte globale System der Produktion unterbrochen.[27]

Die Effekte des Lockdowns und der Maßnahmen der sozialen Distanzierung mit der Folge der (zeitweiligen) Schließung der Produktion in globalen Schlüsselsektoren haben weltweit die Versorgungs- und Wertschöpfungsketten erschüttert. Dies hat einen gigantischen „Peitscheneffekt“[28] hervorgebracht, der sowohl von Seiten des Angebots als auch von Seiten der Nachfrage durch die globalen Warenketten läuft. Darüber hinaus ist die Covid-19-Pandemie im Kontext eines globalen Regimes des neoliberalen Monopol-Finanzkapitalismus aufgetreten, der weltweit Austeritätsmaßnahmen, die auch die öffentliche Gesundheitsversorgung betreffen, durchgesetzt hat.

Die universelle Übernahme der just-in-time Produktion sowie der Zeit-basierte Wettbewerb und die Regulation der globalen Warenketten hat bei vielen Unternehmen und Einrichtungen wie etwa Krankenhäusern zu einer nur noch geringen Vorratshaltung geführt – ein Problem, das durch die Hamsterkäufe bestimmter Güter seitens der Bevölkerung verschärft wird.[29] Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Störung der gesamten Weltwirtschaft.

Die heutigen globalen Warenketten – oder präziser: Arbeitswert-Ketten – dienen in erster Linie dazu, die niedrigeren Lohnstückkosten (unter Berücksichtigung sowohl der Lohnkosten als auch der Produktivität) in den ärmeren Ländern des globalen Südens, in denen die industrielle Weltproduktion heute überwiegend angesiedelt ist, auszunutzen. So betrugen die Lohnstückkosten in Indien 2014 lediglich 37 Prozent des US-Niveaus, während die Lohnstückkosten in China und Mexiko bei 46 bzw. 43 Prozent des US-Niveaus lagen. In Indonesien waren die Lohnstückkosten mit 62 Prozent des US-Niveaus höher.[30] Ein beträchtlicher Teil dieser Differenz kann auf die extrem niedrigen Löhne in den Ländern des Südens zurückgeführt werden. Gleichzeitig führt die nach den Vorgaben multinationaler Konzerne und unter Einführung fortschrittlichster Technologien gestaltete Fremdfertigung der Exportplattformen des globalen Südens zu Produktivitätsleveln, die mit denen vieler Bereiche des globalen Nordens vergleichbar sind. Das Ergebnis ist ein integriertes globales System der Ausbeutung, in dem die Lohnunterschiede zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden größer sind als die Produktivitätsdifferenzen. Das führt zu niedrigen Lohnstückkosten in den Ländern des Südens und damit zu enormen Bruttogewinnmargen (d.h. ökonomischem Mehrwert) hinsichtlich der Exportpreise von Gütern aus ärmeren Ländern.

Die enorme Mehrwertmasse, die im globalen Süden erwirtschaftet wird, wird in der Bruttoinlandsproduktrechnung als Wertschöpfung (value added) im Norden verbucht, auch wenn es sich eher um im Süden abgeschöpfte Werte (value captured) handelt. Dieses neue, mit der globalisierten Produktion verknüpfte System internationaler Ausbeutung und Enteignung bildet die Tiefenstruktur des Spätimperialismus im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Begünstigt wurde all dies durch die revolutionären Entwicklungen im Transport- und Kommunikationsbereich. Versandkosten sanken mit der Verbreitung von standardisierten Containern. Kommunikationstechnologien wie Fiberglaskabel, Mobiltelefone, Internet, Breitband, digitale Clouds sowie Videokonferenzen veränderten die globale Vernetzung. Billige Flugreisen ermöglichten schnelleres Reisen und nahmen zwischen 2010 und 2019 im Schnitt um 6,5 Prozent zu.[31] Bei etwa einem Drittel der US-Exporte handelt es sich um Zwischenprodukte für andernorts gefertigte Enderzeugnisse wie etwa Baumwolle, Stahl, Motoren und Halbleiter.[32] Die heutige globale Warenkettenstruktur entstand aus diesen sich rasch verändernden Bedingungen, die eine zunehmend integrierte, hierarchische internationale Akkumulationsstruktur hervorbrachten. Deren Resultat war eine Verbindung aller Teile der Erde innerhalb eines Systems der Unterdrückung. Diese Verbindung zeigt nun erste Zeichen einer Destabilisierung unter den Auswirkungen des Handelskrieges der USA gegen China und den globalen wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie.

Die Covid-19-Pandemie mit ihren Lockdowns und den Maßnahmen sozialer Distanzierung ist „die erste globale Lieferkettenkrise.“[33] Sie hat zu ökonomischen Wertverlusten, enormer Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, dem Zusammenbruch von Firmen, weit verbreitetem Hunger und anderen Entbehrungen geführt. Ein Schlüssel zum Verständnis der Komplexität und des Chaos der gegenwärtigen Krise liegt darin, sich zu verdeutlichen, dass kein CEO irgendeiner multinationalen Firma einen vollständigen Überblick über die Warenkette der Firma hat.[34] Üblicherweise kennen die Finanzzentren und die Einkäufer der Firmen lediglich ihre direkten Zulieferer, nicht aber die der zweiten, dritten oder gar vierten Ebene. Das bedeutet, sie haben keine Ahnung von den Zulieferern ihrer Zulieferer. Elisabeth Braw verweist in diesem Zusammenhang in Foreign Policy auf Michael Essig, einen Professor für Supply-Chain-Management an der Bundeswehr-Universität München, der berechnet hat, „dass eine multinationale Firma wie Volkswagen 5.000 direkte Zulieferer hat, die alle noch einmal im Durchschnitt etwa 250 Zulieferer der zweiten Ebene besitzen. Dies bedeutet, dass die Firma tatsächlich 1,25 Millionen Zulieferer hat von denen sie die große Mehrheit nicht kennt.“ Zulieferer der dritten Ebene sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Mit Beginn der aktuellen Corona-Pandemie im chinesischen Wuhan wurde festgestellt, dass ca. 51.000 weltweite Firmen mindestens einen direkten Zulieferer und etwa weitere fünf Millionen Firmen einen Zulieferer der zweiten Ebene in der Region hatten. Am 27. Februar 2020, als die Störung der Lieferketten sich noch überwiegend auf China beschränkte, meldete das World Economic Forum unter Berufung auf einen Bericht von Dun & Bradstreet, dass mehr als 90 Prozent der Fortune-1000-Firmen einen Zulieferer der ersten oder zweiten Ebene hatten, der von dem Virus betroffen war.[35]

Durch die Auswirkungen von SARS-CoV-2 ist es für Unternehmen plötzlich zu einer dringenden Notwendigkeit geworden, zu versuchen, ihre gesamten Warenketten zu erfassen. Aber dies ist enorm komplex. Als die Nuklearkatastrophe von Fukushima stattfand wurde etwa herausgefunden, dass in der Gegend von Fukushima 60 Prozent der für die Produktion von Autos essentiell notwendigen Teile produziert werden, zudem einen weltweit bedeutenden Anteil der Chemikalien für Lithium Batterien und 22 Prozent der weltweiten Produktion von [u.a. in der Photovoltaik verwendeten – A.d.Ü.] Dreihundert-Millimeter-Silizium-Wafer. Alle drei Produkte sind entscheidend für die gegenwärtige industrielle Produktion.  Damals versuchten einige Monopolfinanzkonzerne, ihre Lieferketten abzubilden. Laut Harvard Business Review „erzählten Führungskräfte eines japanischen Halbleiterherstellers, dass ein Team von 100 Mitarbeitern mehr als ein Jahr gebraucht habe, um (...) die Liefernetzwerke des Unternehmens bis tief in die Unterebenen hinein abzubilden.“[36]

Aktuell sind die Firmen mit Warenketten konfrontiert, in denen viele Glieder der Kette unsichtbar sind und die Ketten an zahlreichen Stellen gleichzeitig reißen. Dies führt zu Unterbrechungen und Unsicherheiten in dem, was Marx die „allgemeine Metamorphosenreihe“[37] in der Produktion, Distribution und Konsumption der materiellen Produktion genannt hat. Dazu kommen unvorhersehbare Veränderungen der allgemeinen Nachfrage. Die Folgen der Coronavirus-Pandemie für die weltweite Akkumulation sind von noch nie da gewesenem Ausmaß, wobei die Kosten für die Weltwirtschaft noch immer steigen. Ende März waren etwa drei Milliarden Menschen auf dem Planeten direkt von Lockdowns oder sozialen Distanzierungsmaßnahmen betroffen.[38] Die meisten Firmen hatten keinen Notfallplan, der auf multiple Brüche in der Versorgungskette reagiert.[39] Das Ausmaß des Problems zeigte sich, als – von China ausgehend und dann immer weitere Regionen erfassend – Zehntausende von Zulieferern erklärten, dass sie aufgrund der außerordentlichen Ereignisse nicht in der Lage sein würden, ihre Verträge zu erfüllen, und sich dabei auf höhere Gewalt beriefen. Es häuften sich die „Leerfahrten“ von Frachtschiffen, deren reguläre Frachten annulliert wurden wegen des Ausfalls beim Güter-Angebot oder bei der Nachfrage.[40] Anfang April meldete die U.S. National Retail Federation für den März 2020 ein Fünfjahrestief bei der Schiffsfracht (Container), wobei noch eine Beschleunigung des Einbruchs erwartet wurde.[41] Weltweit gingen die Passagierflüge um etwa 90 Prozent zurück. Wichtige US Airlines bauten die Passagierkabinen um und entfernten die Sitze, um die Maschinen für Frachtflüge zu nutzen.[42]

Die Welthandelsorganisation ging Anfang April in einem optimistischen Szenario für 2020 von einem Rückgang des jährlichen Welthandels infolge der COVID-19-Pandemie um 13 Prozent, in einem pessimistischen Szenario um 32 Prozent aus. Im letzten Fall wäre in einem Jahr passiert, was sich in der Großen Depression im Jahr 1930 über eine Periode von drei Jahren hinzog.[43]

Die gravierenden Auswirkungen der pandemiebedingten Unterbrechung der globalen Lieferketten sind besonders bei medizinischen Geräten deutlich geworden. Premier, eine der wichtigsten Beschaffungsorganisationen für Krankenhäuser in den Vereinigten Staaten, gab an, dass sie normalerweise bis zu vierundzwanzig Millionen N95-Atemschutzgeräte (Masken) pro Jahr für ihre Mitglieder und Organisationen des Gesundheitswesens einkaufen. Allein im Januar und Februar 2020 wurden von den Mitgliedern jedoch bereits sechsundfünfzig Millionen Masken benutzt. Ende März bestellte Premier 110 bis 150 Millionen weitere Masken, während seine Mitgliedsorganisationen wie Krankenhäuser und Pflegeheime bei einer Befragung angaben, sie hätten kaum mehr als einen Wochenvorrat. Die Nachfrage nach medizinischen Masken schnellte in die Höhe, während das weltweite Angebot einfror.[44] Auch bei den Covid-19-Test-Kits gab es einen chronischen globalen Versorgungsengpass, bis China die Produktion im späten März hochfuhr.[45]

Auch bei anderen wichtigen Gütern gibt es mittlerweile Versorgungsengpässe. Während allgemeines Chaos herrscht, stapeln sich in den Kaufhäusern Waren wie bspw. modische Kleidung, für die die Nachfrage in den Keller gefallen ist. In einer Welt voller just-in-time Produktion und zeitbasiertem Wettbewerb werden Lagervorräte meist auf ein Minimum reduziert, um Kosten zu senken. Peter Hasenkamp, ehemals zuständig für die Versorgungskettenstrategie und beteiligt an dem Kauf von Lucid Motors, einem Elektroauto-Startup, hat es wie folgt ausgedrückt: „Es braucht 2.500 Teile um ein Auto zu bauen – aber es reicht ein Teil, damit es nicht klappt.“ Zu einem Engpass an Covid-19-Testkits kam es teilweise auch deshalb, weil Abstrichstäbchen fehlten.[46] Mitte April 2020 litten 81 Prozent der globalen Fertigungsunternehmen unter Lieferengpässen. Dies zeigte sich bereits bis März in einer 44-prozentigen Zunahme an unter Berufung auf höhere Gewalt nicht eingehaltenen Verträgen seit Auftreten des Coronavirus  sowie einer 38-prozentigen Zunahme der Produktionsstillstände. In der Folge kommt es nicht nur zu nur materiellen Engpässen, sondern auch zu eine Krise des Geldflusses und damit zu einer gewaltigen „Spitze der finanziellen Risiken“[47].

Die multinationalen Konzerne, denen der Gebrauchswert ihrer Produkte egal ist, solange sie damit ausreichend Tauschwert generieren können, erfahren die realen wirtschaftlichen Auswirkungen des Reißens von Lieferketten durch die dadurch bedingte Unterbrechung der Wertschöpfungsketten, d.h. der Ströme des Tauschwerts. Auch wenn die Auswirkungen der globalen Störung der Angebotsseite noch einige Zeit lang nicht in vollem Umfang bekannt sein werden, so sind doch die Wertverluste, die die Unternehmen erlitten haben, ein Hinweis auf die Krise, die diese für die allgemeine Kapitalakkumulation erzeugt. Unterbrechungen in den Versorgungsketten sind jedoch nichts Neues: Hunderte von Unternehmen, darunter Firmen wie Boeing, Nike, Hershey, Sun Microsystems und Cisco, sind in den letzten Jahrzehnten mit kritischen Unterbrechungen der Warenkette konfrontiert gewesen. Studien, die auf etwa achthundert Fällen basieren, haben die durchschnittlichen Auswirkungen einer solchen Unterbrechung der Lieferkette für Unternehmen aufgezeigt. Dies beinhaltet einen „Rückgang des Betriebsergebnisses  um 107 Prozent, einen Rückgang der Umsätze um 114 Prozent, einen Rückgang der Sachkapitalrendite um 93 Prozent, ein geringeres Umsatzwachstum von 7 Prozent, ein Kostenwachstum von 11 Prozent und ein Wachstum der Lagerbestände von 14 Prozent“, wobei die negativen Effekte normalerweise etwa zwei Jahre andauerten. Dieselbe Untersuchung zeigt, dass „Unternehmen, die unter Lieferkettenunterbrechungen leiden, über einen Zeitraum von drei Jahren, der ein Jahr vor und zwei Jahre nach dem Datum der Ankündigung der Unterbrechung beginnt und endet, zwischen 33 und 40 Prozent niedrigere Aktienrenditen im Vergleich zu ihren Branchen-Benchmarks verzeichnen. Auch die Volatilität des Aktienkurses im Jahr nach der Unterbrechung ist im Vergleich zur Volatilität im Jahr vor der Unterbrechung um 13,5 Prozent höher.”[48]

Auch wenn niemand weiß, wie sich all dies in der gegenwärtigen Krise exakt auswirken wird, hat das Kapital selbst im Falle eines einzelnen Unternehmens allen Grund, die Folgen hinsichtlich Wertschöpfung und Akkumulation zu fürchten. Überall geht die Produktion zurück und Arbeitslosigkeit sowie Unterbeschäftigung steigen. Firmen entlassen ihre Beschäftigten, was in den Vereinigten Staaten bedeutet, dass diese einfach sich selbst überlassen werden. Die Unternehmen befinden sich jetzt in einem Wettlauf, ihre Rohstoffketten möglichst schnell wieder einzubinden und einen gewissen Anschein von Stabilität in einer scheinbar allumfassenden Krise zu bewahren. Darüber hinaus droht die Unterbrechung der gesamten Kette der Metamorphosen, die an der globalen Arbeitsarbitrage beteiligt sind, zum finanziellen Zusammenbruch einer Weltwirtschaft zu führen, die nach wie vor durch Stagnation, Verschuldung und Finanzialisierung gekennzeichnet ist.

Die so genannte Supply-Chain-Finanzierung, die es Unternehmen ermöglicht, mit Hilfe von Bankfinanzierungen Zahlungen an Lieferanten aufzuschieben, ist dabei nicht unbedingt die kleinste der sichtbar gewordenen Schwachstellen. Dem „Wall Street Journal“ zufolge haben einige Unternehmen Finanzierungsverpflichtungen in der Lieferkette, die ihre ausgewiesene Nettoverschuldung weit in den Schatten stellen. Diese Schulden gegenüber Lieferanten werden von anderen Finanzinstitutionen in Form von kurzfristigen Schuldverschreibungen verkauft. So besitzt beispielsweise die Credit Suisse Schuldverschreibungen von großen US-Unternehmen wie Kellogg und General Mills. Bei einer allgemeinen Unterbrechung der Warenketten wird diese komplizierte Finanzkette, die ihrerseits Gegenstand von Spekulationen ist, wiederum selbst in einen Krisenmodus versetzt. Dies schafft zusätzliche Schwachstellen in einem bereits fragilen Finanzsystem.[49]

Teil II folgt in Z 124 (Dezember 2020)

 

*  Zuerst erschienen unter: https://monthlyreview.org/2020/06/01/covid-19-and-catastrophe-capitalism/. Übersetzung und Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren und der Redaktion von Monthly Review. Übersetzung: Philipp Piechura. Teil II folgt in Z 124 (Dezember 2020).

[1] Siehe hierzu: John Bellamy Foster, Late Imperialism, in: Monthly Review 71, Nr. 3 (Juli–August 2019), S. 1–19; Samir Amin, Modern Imperialism, Monopoly Finance Capital, and Marx’s Law of Value, New York 2018.

[2] Zum Verhältnis globaler Lohnunterschiede und Warenketten siehe Intan Suwandi, Value Chains, New York 2019, S. 32–33, 53–54. Eine von uns gemeinsam mit R. Jamil Jonna durchgeführte statistische Analyse der Lohnstückkosten wurde veröffentlicht als „Global Commodity Chains and the New Imperialism”, in: Monthly Review 70, Nr. 10 (März 2019), S. 1–24. Zu globalen Landpreisdifferenzen siehe auch Eric Holt-Giménez, A Foodie’s Guide to Capitalism, New York 2017, S. 102–4.

[3]  Evan Tarver, Value Chain vs. Supply Chain, in: Investopedia, 24. März 2020.

[4]  Karl Marx, Das Kapital, Zweiter Band, MEW 24, S. 62.

[5]  Vgl. Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Frankfurt am Main 1968, S. 71.

[6]  Terence Hopkins and Immanuel Wallerstein, Commodity Chains in the World Economy Prior to 1800, in: Review 10, Nr. 1 (1986), S. 157–70.

[7]  Marx, Kapital Band 1, MEW 23, S. 529.

[8]  Karl Marx, Kapital, Band 3, MEW 25, S. 825; Karl Marx, Kapital, , Band 1, MEW 23, S. 253.

[9]  Robert G. Wallace, Luke Bergmann, Richard Kock, Marius Gilbert, Lenny Hogerwerf, Rodrick Wallace, and Mollie Holmberg, The Dawn of Structural One Health: A New Science Tracking Disease Emergence Along Circuits of Capital, in: Social Science and Medicine 129 (2015), S. 68–77; Robert G. Wallace, We Need a Structural One Health, in: Farming Pathogens, 3. August, 2012; J. Zinsstag, Convergence of EcoHealth and One Health, in: Ecohealth 9, Nr. 4 (2012), S. 371–73; Victor Galaz, Melissa Leach, Ian Scoones, and Christian Stein, The Political Economy of One Health, in: STEPS Centre, Political Economy of Knowledge and Policy Working Paper Series 2015.

[10] Rodrick Wallace u.a., Clear-Cutting Disease Control: Capital-Led Deforestation, Public Health Austerity, and Vector-Borne Infection, Cham 2018), S. 2.

[11] Vgl. István Mészáros, Beyond Capital: Toward a Theory of Transition, New York 1995.

[12] Wallace u.a., The Dawn of Structural One Health, a.a.O., S.70–72; Wallace, We Need a Structural One Health; Rob Wallace, Alex Liebman, Luis Fernando Chaves, and Rodrick Wallace, COVID-19 and Circuits of Capital, in: Monthly Review 72, Nr. 1 (Mai 2020), S. 12; István Mészáros, Beyond Capital, a.a.O.; Richard Levins und Richard Lewontin, The Dialectical Biologist, Cambridge, MA 1985.

[13] Rob Wallace, Big Farms Make Big Flu, New York 2016, S. 60–61, 118, 120–21, 217–19, 236, 332; Rob Wallace, Notes on a Novel Coronavirus, in: Monthly Review Online, 29. Januar 2020. Zum Lauderdale Paradox siehe John Bellamy Foster, Brett Clark und Richard York, The Ecological Rift, New York 2010, S. 53–72.

[14] Siehe John Bellamy Foster, The Return of Nature, New York 2020, S. 61-64, 172-204; Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, in: MEW Bd. 2, S. 225 - 506; E. Ray Lankester, The Kingdom of Man, New York 1911, S. 31–33, 159–91; Richard Levins, Is Capitalism a Disease?, in: Monthly Review 52, Nr. 4 (September 2000), S. 8–33. Siehe auch Howard Waitzkin, The Second Sickness, New York 1983.

[15] Wallace, Big Farms Make Big Flu, 53.

[16] Ebd., 49.

[17] Ebd., S. 33-34.

[18] Ebd., S. 81.

[19] Mathilde Paul u.a., Practices Associated with Highly Pathogenic Avian Influenza Spread in Traditional Poultry Marketing Chains, in: Acta Tropica 126 (2013), S. 43–53.

[20] Wallace, Big Farms Make Big Flu, a.a.O., S. 306; Wallace u.a., The Dawn of Structural One Health, a.a.O., S. 69, 71, 73.

[21] Wallace u.a., COVID-19 and Circuits of Capital, a.a.O., S. 11.

[22] Holt-Giménez, A Foodie’s Guide to Capitalism, a.a.O., S. 102–5.

[23] Philip McMichael, Feeding the World, in: Socialist Register 2007; Coming to Terms with Nature, herausgegeben von Leo Panitch und Colin Leys, New York 2007, S. 180.

[24] Farshad Araghi, The Great Global Enclosure of Our Times, in: Hungry for Profit, herausgegeben von Fred Magdoff, John Bellamy Foster und Fredrick H. Buttel, New York 2000, S. 145–60.

[25] Wallace u.a., COVID-19 and Circuits of Capital, a.a.O., S. 6; Mike Davis, Planet of Slums, London 2016); Mike Davis im Interview mit Mada Masr: Mike Davis on Pandemics, Super-Capitalism, and the Struggles of Tomorrow, in: Mada Masr, 30. März 2020.

[26] Wallace, Big Farms Make Big Flu, a.a.O., S. 61. Zur Bedeutung der Konzepte der Reststoffe und Rückstände für die materialistische Dialektik siehe J. D. Bernal, Dialectical Materialism, in: Aspects of Dialectical Materialism, herausgegeben von Hyman Levy u.a., London 1934, S. 103–4; Henri Lefebvre, Metaphilosophy, London 2016, S. 299–300.

[27] Friedrich Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, S. 452; Lankester, The Kingdom of Man, a.a.O., S. 159.

[28] Matt Leonard, What Procurement Managers Should Expect from a Bullwhip on Crack, in: Supply Chain Dive, 26. März 2020.

[29] Zu Zeit-basiertem Wettbewerb und just-in-time Produktion siehe: Boston Consulting Group, What Is Time-Based Competition?

[30] Suwandi, Value Chains, a.a.O., S. 59–61; John Smith, Imperialism in the Twenty-First Century, New York 2016.

[31] Walden Bello, Coronavirus and the Death of ‘Connectivity’, in: Foreign Policy in Focus, 22. März 2010; Annual Growth in Global Air Traffic Passenger Demand from 2006 to 2020, in: Statista, abgerufen am 22. April 2020.

[32] Shannon K. O’Neil, How to Pandemic Proof Globalization, in: Foreign Affairs, 1. April 2020.

[33] Stefano Feltri, Why Coronavirus Triggered the First Global Supply Chain Crisis, in: Pro-Market, 5. März 2020.

[34] Elisabeth Braw, Blindsided on the Supply Side, in: Foreign Policy, 4. März 2020.

[35] Francisco Betti and Per Kristian Hong, Coronavirus Is Disrupting Global Value Chains. Here’s How Companies Can Respond, in: World Economic Forum, 27. Februar 2020; Elisabeth Braw, Blindsided on the Supply Side, a.a.O.

[36] Elisabeth Braw, Blindsided on the Supply Side, a.a.O.; Thomas Y. Choi, Dale Rogers, and Bindiya Vakil, Coronavirus is a Wake-Up Call for Supply Chain Management, in: Harvard Business Review, 27. März 2020.

[37] Karl Marx, Das Kapital, Zweiter Band, MEW 24, S. 62.

[38] Nearly 3 Billion People Around the Globe Under COVID-19 Lockdowns, in: World Economic Forum, 26. März 2020.

[39] Lizzie O’Leary, The Modern Supply Chain Is Snapping, in: Atlantic, 19. März 2020.

[40] Choi u.a., Coronavirus is a Wake-Up Call for Supply Chain Management; Willy Shih, COVID-19 and Global Supply Chains: Watch Out for Bullwhip Effects, in: Forbes, 21. Februar 2020.

[41] Estimated March Imports Hit Five Year-Low, Declines Expected to Continue Amid Pandemic, in: National Retail Federation, 7. April 2020.

[42] Emma Cosgrove, FAA Offers Safety Guidance for Passenger Planes Ferrying Cargo,in: Supply Chain Dive, 17. April 2020.

[43] Trade Set to Plunge as COVID-19 Pandemic Upends Global Economy, in: World Trade Organization, 8. April 2020; S. L. Fuller, WTO: 2020 Trade Levels Could Rival the Great Depression, in: Supply Chain Dive, 9. April 2020.

[44] Deborah Abrams Kaplan, Why Supply Chain Data is King in the Coronavirus Pandemic, in: Supply Chain Dive, 7. April 2020; O’Leary, The Modern Supply Chain Is Snapping; Chad P. Bown, COVID-19: Trump’s Curbs on Exports of Medical Gear Put Americans and Others at Risk,in: Peterson Institute for International Economics, 9. April 2020; Shefali Kapadia, From Section 301 to COVID-19, in: Supply Chain Dive, 31. März 2020.

[45] Finbarr Bermingham, Sidney Leng, and Echo Xie, China Ramps Up COVID-19 Test Kit Exports Amid Global Shortage, as Domestic Demand Dries Up, in: South China Morning Post, 30. März 2020.

[46] Kapadia, From Section 301 to COVID-19; Companies’ Supply Chains Vulnerable to Coronavirus Shocks, in: Financial Times, 8. März 2020; Bermingham, Leng, and Xie, in: China Ramps Up COVID-19 Test Kit Exports.

[47] COVID-19: Where Is Your Supply Chain Disruption? In: Future of Sourcing, 3. April 2020.

[48] Thomas A. Foster, Risky Business: The True Cost of Supply-Side Disruptions, in: Supply Chain Brain, May 1, 2005; Kevin Hendricks and Vinod R. Singhal, The Effect of Supply Chain Disruptions on Long-Term Shareholder Profitability, and Share Price Volatility, Juni 2005, online unter http://supplychainmagazine.fr.

[49] Supply-Chain Finance is New Risk in Crisis, in: Wall Street Journal, 4. April 4 2020; CNE/CIS Trade Finance Survey 2017, in: BNE Intellinews, 3. April 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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