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Nichts vergessen, aber dazugelernt Redaktion Blättchen 26 Oktober, 2020 - 07:10

Es ist aufschlussreich, rückblickend zu analysieren, wie der 30. Jahrestag der deutschen Vereinigung in den bundesdeutschen Medien gewürdigt worden ist: insgesamt wenig, zudem überwiegend kritisch! Es ist aber auch nicht zu erkennen, dass das von der Politik immer wieder beschworene Zusammenwachsen beider Landesteile und Teil-Populationen zuletzt große Fortschritte gemacht hätte. Eher ist das Gegenteil zu konstatieren: eine Verfestigung der Unterschiede und ein gegenseitiges Nichtverstehen.

Letztes zeigt sich unter anderem in einer anhaltenden „Kommunikationsstörung“ zwischen Ost und West. So war zum Beispiel in einer kurz vor dem Jahrestag ausgestrahlten ARD-Dokumentation davon die Rede, dass die DDR-Bürger am 3. Oktober 1990 plötzlich „als Deutsche“ aufgewacht seien. Als Deutsche! An anderer Stelle wurde behauptet, Deutschland sei durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik um einiges „größer“ geworden. Deutschland! Im Berliner Tagespiegel vom 14.10. wurde darüber berichtet, wie stark das Alltags- und das Fachvokabular in Ost und West auch 30 Jahre nach der Vereinigung noch differiert. Damit wurde zugleich die Erwartung ausgesprochen, die Ostdeutschen mögen sich doch endlich befleißigen, so wie die Westdeutschen zu sprechen und zu schreiben. Hierin aber, in dieser Erwartungshaltung, die sich im Übrigen keineswegs nur auf das Vokabular bezieht, liegt genau das Problem: Auf westdeutscher Seite wird von den Ostdeutschen Anpassung, Dankbarkeit und Devotion erwartet, während die Ostdeutschen dies als Anmaßung, Arroganz und Übergriff empfinden. Dies ist der Kern der im Tagesspiegel beklagten „Kommunikationsstörung“ zwischen Ost und West. Die sogenannte „innere Einheit“ ist weiterhin Ziel und Wunschbild, aber noch längst nicht Realität.

Die Ostdeutschen haben in der Tat nichts vergessen. Weder die Überrumpelung durch die Einführung der D-Mark noch die rücksichtslose, vor allem westdeutschen Interessen dienende Privatisierungspolitik der „Treuhand“, weder die Massenarbeitslosigkeit und erzwungene Entvölkerung ganzer Landstriche noch die Liquidierung ihrer Kultureinrichtungen, Medien, Organisationen und Institutionen. Weder ihre Minderpräsenz in den Chefetagen von Wirtschaft, Militär, Wissenschaft und Kultur noch die mangelhafte Vertretung und Berücksichtigung ihrer Anliegen durch die Politik. Und schon gar nicht die demonstrative Missachtung ihrer Lebensleistung und die Verächtlichmachung ihrer Biographien, die bis heute anhält, sowie die entwürdigende Behandlung in den Arbeitsämtern, den Gerichtssälen, vor Evaluierungskommissionen und in Behörden. Hinzu kommt aktuell die Ausplünderung und Schikanierung als Mieter durch die mehrheitlich westdeutschen Haus-, Grundstücks- und Wohnungseigentümer.

Aber die Ostdeutschen haben auch dazugelernt: Zum Beispiel, politischen Wahlversprechen zu misstrauen, die eigenen Interessen zu erkennen und wahrzunehmen, sich zu organisieren. Und sie verstehen jetzt besser, was Westdeutsche meinen, wenn sie von Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Deutscher Nation schwadronieren.

Übrigens wussten die Ostdeutschen auch schon vor 1990, wo Stuttgart, Braunschweig oder Flensburg liegen. Und ebenso, dass die DDR ein Teil Deutschlands war. Deshalb hatten sie auch kein Problem, nach 1989 in die anderen Landesteile zu reisen. Ganz anders die Westdeutschen. Viele von ihnen wissen bis heute nicht, wo sie Neubrandenburg, Suhl oder Cottbus auf der Landkarte suchen sollen. Sie reisen auch nicht in „den Osten“ (oder „die DDR“, wie man häufig noch hört). Mit Ausnahme vielleicht von Berlin und Weimar. Die thüringische Stadt ist für sie ein beliebtes Reiseziel, weil sich dort einst ihr Goethe, ihr Schiller, ihr Wieland und ihr Nietzsche niederließen. – Nein, Nietzsche nicht, der stammt aus Röcken bei Lützen und gehört damit zu Mittel- respektive Ostdeutschland. Aber das wissen Altbundesbürger gewöhnlich nicht.

Während Westdeutsche immer noch glauben, den Ostdeutschen „die Wiedervereinigung finanziell ermöglicht“, ja finanziert zu haben, dringt bei den Ostdeutschen allmählich die Erkenntnis durch, dass sie letztlich alles selbst bezahlt haben. Und mehr als das! Ihr Preis für die D-Mark, die Demokratie und die soziale Marktwirtschaft war der gigantische Vermögens- und Ressourcentransfer, der sich in den 1990er Jahren zwischen Ost und West vollzogen hat – in Gestalt der Übernahme von Grund und Boden, der ostdeutschen Produktionsstandorte, von Immobilien und in Gestalt des Abzuges von Millionen Arbeitskräften.

Die in diesem Zusammenhang immer wieder ins Spiel gebrachten Finanztransfers des Westens für den Osten erwiesen sich inzwischen, sofern es sich dabei nicht ohnehin um bundeseinheitlich geregelte Leistungen des Staates und der Sozialversicherungen handelte, als lohnende Investitionen, welche heute beachtliche Gewinne abwerfen. Für die Investoren und Finanziers, versteht sich! Im Westen nennt man das „Solidarität“, im Osten Lohndumping wegen fehlender Tarifbindung, Mietwucher und Immobilienspekulation.

Wenn im Freitag vom 1. Oktober zu lesen war, dass die „entstandene, in der Regel folgenlos beklagte Kluft zwischen West und Ost kein Kollateralschaden einer radikalen Transformation (ist), sondern Konsequenz derselben“, so ist dem ungeteilt zuzustimmen. Es spricht heute auch alles dafür, dass es im Westen, O-Ton Freitag, von vornherein „darauf angelegt“ war, „dass es ausging, wie es kam“.

Solange darüber nicht ehrlich und faktenbezogen zwischen Ost und West gesprochen wird, wird die beklagte „Kommunikationsstörung“ bestehen bleiben. Dass sie gegenwärtig so deutlich hervortritt, hat etwas damit zu tun, dass man im Westen seit 1990 zwar manches vergessen, aber offenbar nichts dazugelernt hat.

German
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