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In die Ausbeutung gezwungen

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In die Ausbeutung gezwungen

Bonded labour ist in Indien bis heute weit verbreitet
Rosaly Magg 17 November, 2020 - 11:40

In den letzten Jahren brachten wir in der iz3w immer wieder Artikel über die sozialen Verhältnisse in Indien. Trotz Bemühungen der postkolonialen Regierungen, trotz Wirtschaftsaufschwung und neuer Arbeitsplätze: Das soziale Elend bleibt. Warum? Welche Strukturen verhindern in der Republik Indien die Verallgemeinerung von lebenssichernder Arbeit? Wie reproduziert sich der informelle Sektor immer wieder neu? Eine Antwort darauf zeigt sich im Blick auf bonded labour, was im Deutschen nur halbwegs treffend mit »unfreie Arbeit« übersetzt werden kann.

Verschiedene Formen der Schuldknechtschaft sind ein fester Bestandteil der indischen Ökonomie. Weder die postkoloniale Staatsgründung, noch die Industrialisierungspolitik oder sozialpolitische Reformen und auch nicht der Wirtschaftsaufschwung im heutigen »Shining India« haben daran etwas geändert. Wenn man verstehen will, warum das indische Wirtschaftswachstum keine breite Verbesserung der Lebensumstände mit sich bringt, braucht es sicher den kritischen Blick auf die kapitalistische Vergesellschaftungsweise und weltwirtschaftliche Reichtumsverteilung. Aber das genügt nicht. Eine spezifische indische Synthese aus vormodernen und modernen Herrschafts- und Ausbeutungsweisen (und mit ihnen bonded labour) prägen das Land bis heute nachhaltig.

 

von Jakob Rösel

Wie so vieles in Indien beschreibt bonded labour ein umfassendes Phänomen mit einem importierten Begriff – wie übrigens auch »Kaste« oder »Hinduismus«. In den indischen Sprachen steht dagegen auch für bonded labour eine Fülle von Begriffen bereit. Sie umschreiben die regionalen Varianten und einzelnen Mechanismen sozialer und politischer Abhängigkeit von Schuldknechtschaft sowie unfreier oder abhängiger Arbeit.

Um abhängige und »erbverschuldete« Arbeitsverhältnisse in Indien zu verstehen, muss man die Lebenslagen und ritualisierten Sozialstrukturen seit dem indischen Altertum betrachten. Dabei geht es um die für die Landwirtschaft und das Dorfleben konstitutiven Formen von (sozialer) Unterwerfung, (wirtschaftlicher) Abhängigkeit, (finanzieller) Verschuldung, (politischer) Rechtlosigkeit und (ritueller) Degradierung. Sie werden zusammengefasst in den Begriffen Knechtschaft, Landlosigkeit, Erbverschuldung, Ohnmacht und Unberührbarkeit. Dieses Zusammenspiel vielfältiger Faktoren bildet das Fundament für bonded labour.

Bonded labour zeigt sich darüber hinaus bereits traditionell in einer weiteren Form: contract labour. Hierbei handelt es sich um die Anwerbung, Anleitung und den Einsatz vorrangig ländlicher Abhängiger außerhalb der Dörfer auf Baustellen und für Projekte vielfältiger Art. Diese Kontraktarbeit – am ehesten im Sinne einer Vertragsknechtschaft – expandiert, vervielfältigt und universalisiert damit bonded labour über die Begrenzungen des Dorfes hinaus.

Während der Kolonialzeit weiteten sich zuvor eher lokale und regionale Arbeits- und Herrschaftsformen enorm aus. Das Empire schaffte mit der Durchsetzung von Geldwirtschaft, Eigentumsrecht, pan-indischer und globaler Arbeitsmobilität sowie Investitionsmechanismen neue Entfaltungsmöglichkeiten für bonded labour. Seit der Unabhängigkeit 1947, vor allem aber seit der (Neo-)Liberalisierung der Nehru‘schen Planwirtschaft ab 1981 erfolgten Entwicklungen, die bonded labour noch einmal in ein völlig neues Spannungsfeld rücken. Hier zeigt sich bonded labour als bislang notwendiger Bestandteil eines unvollständigen Modernisierungsprozesses. Diese bonded labour ist heute verbunden mit Kinder- und Frauenarbeit, überwiegend getragen von jenem Fünftel der indischen (Land-)Bevölkerung, das aus bedrohten indigenen Gemeinschaften und seit Jahrhunderten verelendeten »Unberührbaren« (heute Dalits genannt) besteht.

Diese Form der abhängigen Arbeit existiert bis heute in den Millionenströmen saisonaler Wander-, Ernte- und Industriearbeiter*innen sowie in der cottage industry, ergo der Heim-, oder präziser gesagt Slumarbeit. Bonded labour zeigt sich aber auch bei allen staatlichen Bau-, Infrastruktur- und Industrieprojekten sowie im Plantagen- und Bergwerkssektor. Hier wird seit langem und neuerdings qua Outsourcing Arbeit mithilfe von Kontraktoren als contract labour organisiert. Dabei reproduzieren und verfestigen sich ökonomische und soziale Strukturen, welche die Entwicklung höherer Produktivität oder von »guter Lohnarbeit« behindern.

Bonded labour im alten Indien …

Mit China bildet Indien bis heute die größte und in Teilen altertümlichste Bauerngesellschaft der Erde. Die heute 640.000 Dörfer, auf die sich zwei Drittel der aktuell 1,3 Milliarden Bewohner*innen Indiens, ein Sechstel der Erdbevölkerung, verteilen, erhielten sich nach einem einfachen, vielfach variierten Modell, dem sogenannten Jajmani-Modell: Eine oder mehrere unter sich bleibende Bauerngruppen, zumeist die Hälfte der Dorfbevölkerung, dominierten Boden, Dorfgeschehen und Politik. Ihnen unterworfen waren spezialisierte Handwerker- und Dienstleistungsfamilien, die für Anbau, Wirtschaft, Festtagszyklen und rites de passage notwendige Geräte und Dienste lieferten. Dafür wurden sie mit Ernteanteilen oder bescheidenen Landparzellen entlohnt.

Von noch geringerem Status waren jene Gruppen, die tageweise oder saisonal entlohnt wurden. Diese arbeiteten etwa als Kuhhirten, Gärtner, Bewässerungshelfer oder Palmheger (toddy tappers). Dazu zählten auch jene, die stark degradierenden Beschäftigungen nachgingen: Wäscher*innen, Barbiere, Latrinenreiniger, Abdecker, Lederarbeiter oder Leichenträger. Außerhalb von Saat- und Erntezeiten mussten viele aus dieser Gruppe mit Gelegenheitsarbeiten, dem Sammeln von Baumfrüchten und Ernteresten und mit Wanderarbeit überleben.

Die indische Bauerngesellschaft ruhte keineswegs auf der von Gandhi und der Kongress-Partei verklärten »Dorfrepublik«, sondern auf einem Herrschaftssystem, in dem wie überall und wie in allen traditionellen Gesellschaften Hierarchie und Arbeitsteilung, Hegemonie und Kooperation unauflösbar zusammenwirkten. Und entgegen der Kongress-Legende von der Gleichheit, Selbständigkeit und Selbstversorgung war »das indische Dorf« nie autonom. Auch in Zeiten begrenzter Geldwirtschaft produzierte das Dorf begrenzt für Märkte, zahlte Grundsteuern und brauchte Hilfe, wenn beispielsweise der Monsun ausblieb. Für diese verdrängte Verbindung zu Staat und Markt war der Großbauer, der Grundsteuerverantwortliche, Getreidehändler oder Geldverleiher zuständig – oft in ein und derselben Person.

Es lag im wohlbegründeten Interesse der Dorfelite, dass Großbauern, Getreidehändler, Grundsteuerverantwortliche, Lehn- und Stiftungsherren oder auch Geldverleiher den mittellosen Bauern und Bäuerinnen Konsumkredite, Saatgut und andere Hilfen vorschossen. Diese Kredite waren grundlegend für das Überleben der Dörfer – und nicht zuletzt für die Grundsteuereinnahmen der Regionalreiche. Türmten sich unbezahlte Schulden oder starb der verschuldete Bauer oder Tagelöhner, dann trat der Sohn in die nunmehr erbliche Schuldknechtschaft. Bei der Verschuldung der Tagelöhner ging es dem Schuldherrn nicht primär um das Schuldeneintreiben, sondern um die fortdauernde Sicherung billiger, beliebig einsetzbarer Arbeit, um Unterwürfigkeit und Loyalität.

Der Funktionsmodus des traditionellen Indiens, das für mehr als neun Zehntel der Bevölkerung gültige Dorf- und Jajmani-Modell, hielt damit seit jeher ethnische und kastenspezifische Zwangslagen bereit, die auf eine dauerhafte Verschuldung hinausliefen. Falsche Geburtsgruppe oder Kaste, falscher Geburtsort, die Stammesperipherie oder aber ein Unfall, ein zu geringer Monsun oder eine Überschwemmung schoben wie von selbst ganze Bevölkerungsschichten in erbliche Schuldknechtschaft. Hatte der Schuldenherr etwa die Kosten und die Ausstattung für die Hochzeit des Sohnes des Schuldners übernommen, dann musste der Sohn in die Schuldknechtschaft gehen. Die gleichen Verschuldungsrisiken operierten auch auf der Ebene der Tempel-, Basar- und Palaststädte.

Dort wurde der zusätzliche Mechanismus der Kontraktarbeit wesentlich, weil der Kontraktor die bargeldlose Schuldenwelt des Dorfes mit dem geldgesättigten Milieu der Stadt zusammenbrachte: Dabei ging es um große Bau-, Bewässerungs- und Tempelprojekte, um Heereskampagnen, Handelskarawanen und Überseefahrten. Dafür brauchte man verfügbare, gering qualifizierte Arbeiter – also erblich verschuldete bonded labour. Die Verschuldung zwang zur Arbeit und Arbeitsmigration. Die Migrationskosten setzten wiederum den Vorschuss, also die weitere Verschuldung und neue Schuldenherren voraus: Bonded labour wird Voraussetzung ebenso wie Konsequenz von contract labour. Kontraktoren mobilisieren damit bereits in vormonetären Zeiten das Arbeitspotential einer extrem ungleichen Bauerngesellschaft für die Ambitionen der Politik, der Religion und des Handels.

… und im kolonialen Britisch-Indien

Die britische Herrschaft setzte vor allem nach der Etablierung Indiens als Kronkolonie 1857 neue Rahmenbedingungen für die Ausweitung der Schuldknechtschaft. Bereits die Mogulherrschaft hatte die Ausweitung der Geldwirtschaft vorangetrieben. Die East India Company machte in ihren Territorien endgültig Schluss mit der Bezahlung der Grundsteuern in Form von Getreidekontingenten oder Kaurimuscheln. Mit der Durchsetzung des Company-Silber-Rupien-Systems bei der Grundsteuereintreibung durchdrang die Geldwirtschaft jetzt hunderttausende Dörfer. Hinzu kamen der Ausbau lokaler Wochenmärkte, der Bau des zweitgrößten Eisenbahnnetzes der Erde sowie der Überseeexport neuer cash crops wie Opium, Seide, Salpeter, Weizen, Reis, Baumwolle und Tee. Bengalen, der Punjab, das Irrawaddy-Delta, Gujarat und Assam wandeln sich zu Weltmarktexportlandschaften. Umgekehrt importierte Indien fast alle Fertig-, also Industrieprodukte aus Großbritannien.

Damit setzte spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert ein Prozess ein, der sowohl vom britischen Imperialismus als auch vom indischen (Befreiungs-)Nationalismus eher diskret behandelt wurde: Der britische Industriewarenexport nach Indien, später der nachholende indische Industrialisierungsprozess erodierten das dörfliche Jajmani-System. Allerdings kaum in sozial fortschrittlicher Weise. Zurück blieb ein Ausgrenzungs- und Besitzsystem, das für die Abhängigen keine Absicherungen bot. Der britische und heute der nationale Industrialisierungsprozess trafen die Dorfbevölkerung als Ganzes. Wenn Kochtöpfe aus Sheffield, später aus dem nordindischen Moradabad und heute aus China auf dem Markt sind, bedarf es keines Dorftöpfers mehr. Das gleiche gilt für Seiler, Schmiede, Dachdecker, Mattenflechter, Lederarbeiter oder Dorfweber.

So durchläuft Indien, an den bescheidenen Urbanisierungsraten ablesbar, eine ungenügende Transition. Kein Amerika und auch nicht die nur langsam wachsenden indischen Städte absorbieren die Millionen Menschen, die in hunderttausenden Dörfern zu überleben versuchen, obwohl ihre Produkte und Dienste, ihre Unterwürfigkeit immer weniger gebraucht werden. Angesichts eines ungenügenden Industrialisierungs-, Alphabetisierungs- und Urbanisierungsprozesses stellt die verarmte Landbevölkerung keine industrielle Reservearmee dar, sondern lediglich ein agrarisches Lumpenproletariat.

Die britische koloniale und später die nationale Transformation schaffen damit neue Abhängigkeiten und Zwangslagen. Das bringt in Ansätzen auch neue Chancen und Spielräume: temporäre und schließlich dauerhafte Industriearbeit, Saison- und Erntearbeit über immer größere Distanzen, Arbeit auf großen und kleinen Kanal-, Eisenbahn-, Damm- und Bauprojekten, Abwanderung in Plantagen- und Bergwerksdistrikte. Schon seit 1840 gehörte dazu auch die Auswanderung zu Arbeitsplätzen des expandierenden Empires und seiner Plantagen in Asien, Afrika und in der Karibik.

Der modernisierte Anachronismus …

Die zentralen Hebel, um dieses Arbeitskräftepotential zu mobilisieren, sind hinsichtlich technischer Entwicklungen Telegraph, Eisenbahn und Dampfschifffahrt; juristisch-institutionell sind es law and order und ein neues Grundsteuer- und damit Grundbesitzersystem. Finanziell gesehen sind es neue Investitions- und Bankensysteme, money order und globalisierte cash crop-Systeme; kolonialwissenschaftlich betrachtet die imperial sciences (Statistik, Vermessungskunde, Medizin, Hydraulik, Agronomie), überwölbt von einem wissenschaftsweltlichen scientific empire. Dieses kombiniert die oriental sciences (etwa Indologie) mit den neuen Sozial- und Kulturwissenschaften, kooptierte aber auch native gentlemen und stützte sich auf traditionelle Herrschaftsrituale. Das gesamte Rahmenwerk wäre aber nutzlos gewesen ohne die beiden seit jeher bestehenden, jetzt aber unbegrenzt einsetzbaren Antriebseffekte: fortwährende Verschuldung (bonded labour) und deren effizienteste Organisationsform, die Kontraktarbeit (contract labour).

Umfassende Geldwirtschaft, deutliches Bevölkerungswachstum und damit Besitzfragmentierung, Weltmarktanbindung, cash crop-Gewinne, Ersparnisse und Investitionen: All diese Triebkräfte während der kolonialen Transformation erweitern das Tätigkeitsfeld der Banken und Geldverleiher. In völlig neuen Dimensionen wird nun Kredit aufgenommen – von unfähigen Agrarmagnaten (Zamindaren), von tüchtigen steuerverantwortlichen Mittelbauern (Ryots), von Kanalkolonisten und cash crop-Produzenten ebenso wie von absteigenden Dorfhandwerkern, erpressbaren Tagelöhnern und verarmten Teilpächtern. Das britische Bankensystem verkehrt aber nur mit den größten der indischen Handels- und Industriehäuser. So werden indische Gruppen für die lokalen Geld- und Investitionsgeschäfte, aber auch die Überlebenszwänge von 300 Millionen Bauern, Handwerkern und Landlosen zuständig.

Diese können jetzt dank Eisenbahn, Dampfschiff, Telegraf, Post und money order weitergespannte Netzwerke bilden: Der dörfliche Getreidehändler vergibt Kredite distriktweit, die größeren Mahajans und Handelshäuser provinzweit und die seit Mogulzeiten finanztätigen Marwaris (aus Marwar) und Gujaratis (aus Gujarat) über Gesamtindien. Die südindischen Geldverleiher, die Nattukottai Chettiar, vergeben ihre Kredite global, zumindest bis Südostasien und Ostafrika und auf den Inseln des Indischen Ozeans an die indische tamilische Diaspora. Daneben geben Dorfälteste, Grundsteuerverantwortliche, erfolgreiche cash crop-Bauern und enge Verwandte Kredite für Ochsen, Pflüge, Zukauf von Land – oder für das schlichte Überleben.

Die Kolonialmacht schwankt angesichts dieser neuen Verschuldungsprozesse zwischen Liberalismus und Paternalismus: Kredit ist für die Entwicklung und Öffnung Britisch-Indiens notwendig. Aber wann wird Verschuldung sozial und dann politisch bedrohlich? Seit Ende des Ersten Weltkriegs ist die Verschuldung und Enteignung in der Landwirtschaft ein prominentes Problem – allerdings nicht die wachsende Verschuldung des unteren Bevölkerungsdrittels, also der Landlosen: Bonded labour gilt als unvermeidliche Begleiterscheinung, contract labour als unverzichtbare Grundlage kolonialer Herrschafts- und Wirtschaftsentwicklung.

… bleibt überall auffindbar

Diese Organisationsformen verschuldungsgeprägter Kontraktarbeit bestehen bis heute fort. Zum Teil wirken sie weit über den indischen Subkontinent hinaus: So schuf die von Kontraktoren organisierte Auswanderung neue Plantagensektoren. Eine mehrere Millionen Menschen umfassende indische Diaspora entstand etwa auf Sri Lanka, in Malaysia, in Südafrika/Natal und in der Karibik, in Britisch-Guayana, auf Trinidad und Tobago und auf Réunion. Zu diesem Plantagensektor gehören aber auch die Teegärten von Assam, Darjeeling und den südindischen Nilgiris. Zum anderen ermöglichte die innerindische Migration von bonded labour qua Kontraktarbeit etwa den Bau eines riesigen Eisenbahnsystems und die Entstehung vollständig neuer Kanal- und Agrarzonen. Ohne Kontraktoren wären die nötigen Massen an Arbeitskräften nicht mobilisierbar gewesen.

Bonded labour ist dabei nicht nur Männer-, sondern vor allem Kinder- und Frauenarbeit. Bonded labour ist zudem massiv in vielen Sektoren und Formen präsent: Sie zeigt sich auf dem Land in Form von Hausdiensten, lokaler Landarbeit und der inzwischen weit gespannten Ernte- und Saisonarbeit. Außerhalb des Agrarsektors ist sie in fast allen Handwerks-, Manufaktur- und Industriebereichen ebenso wie im Dienstleistungsbereich zu finden.

Nach Akteur*innen und Sektoren könnte man bonded labour unterteilen in: Kinderarbeit, Frauenarbeit, Landarbeit, Arbeit in Bergwerken, Plantagen und im Baugewerbe, Arbeit im traditionellen und im modernen halbmechanisierten Sektor (also Weben, Teppichmanufaktur, Glasbläserei und Herstellung von Glasringen, Beedi-Zigaretten, Zündhölzer, Messingartikel, Schlösser und Werkzeuge, Stoffdrucken und Edelsteinschleifereien, Bleistiftmanufaktur, Töpferei, Juwelierartikel und eine weit verbreitete Souvenirindustrie); und schließlich Arbeit in der Illegalität und Parastaatlichkeit, also Prostitution, Drogen- und Alkoholhandel, sowie eine cottage- und Recyclingindustrie, die sich auf die Slums der Großstädte konzentriert.

Was macht die Regierung?

Dabei stellt sich die Frage: Was haben die Regierungen in Indien bislang gegen bonded labour getan? Allen war bonded labour eher peinlich und ein Überbleibsel, das die Modernisierung erledigen sollte. Deshalb hat sich der Gesetzgeber mit der besser fassbaren contract labour, mit migrant labour, mit Kinderarbeit und Frauenarbeit beschäftigt. Es dauerte bis 1976, bis der bislang einzige Bonded Labour Abolition Act verabschiedet wurde. Zwei Jahre später kam eine erste Studie. Damit begann ein bis ins Jahr 2008 weitergeführtes Befreiungs- und Rehabilitierungsprogramm.

Rund 300.000 bonded labourers wurden indienweit identifiziert und publikumswirksam über die nächsten 24 Jahre befreit. 20.000 Rupien sollte jede/r zur Rehabilitation erhalten. Das Geld kam leider oft zu spät – die Befreiten waren zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben oder unauffindbar. Für die Regierung war damit einerseits das Problem statistisch erfasst: Nur rund 300.000 Menschen, also ein Drittel Promille der Bevölkerung Indiens, waren bonded labour. Zugleich war das Problem nun angeblich vollständig gelöst, schließlich waren mehr als 90 Prozent davon befreit und rehabilitiert worden.

Die Realität ist davon weit entfernt. Mit Robert Stern, dem Autor von »Changing India«, kann man zwar sagen: »In Indiens Verfassung, seinen neun aufeinander folgenden Fünfjahresplänen, Hunderten von Parteiprogrammen, Tausenden von Gesetzen und Myriaden von Reden seiner Politiker findet sich eine scheinbare Verpflichtung (zur Hilfe) für die Armen.« Aber nach 70 Jahren, nach enormem gesellschaftlichem und politischem Wandel und einer – wie viele sagen – bourgeois revolution gilt nach wie vor: Die Armen und die Verschuldeten, sie sind immer noch da.

 

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