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Identität in der Ideologie der Neuen Rechten

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Identität in der Ideologie der Neuen Rechten Werner Zentner 13 Januar, 2021 - 12:05

In den letzten Jahren tritt die neu-rechte "Identitäre Bewegung" häufiger mit - zum Teil spektakulären - Aktionen in Erscheinung. Auch auf den "Corona-Demos" der letzten Wochen und Monate sind die meist jungen Akteure auffällig präsent. Neben diesen öffentlichen Auftritten beeinflussen sie auch strategische und ideologische Debatten der Neuen Rechten. Die Kategorie der "Identität" hat dort an Bedeutung gewonnen, wie Georg Auernheimer nachzeichnet.

Identität ist als "nationale" oder "kulturelle Identität" zur zentralen Kategorie in der Ideologie der Neuen Rechten geworden,1 daher auch die selbstgewählte Benennung einer Strömung als "Identitäre Bewegung". Die Neue Rechte geht auf die Rezeption des Gedankenguts und der Aktionsformen der Nouvelle Droite aus Frankreich zurück. Die Gründung des Instituts für Staatspolitik im Jahr 2000 diente der Verbreitung dieses Ideenguts. Auch die Identitäre Bewegung, als "Bewegung" bis vor kurzem noch mehr Beschwörung als Realität2, gilt als Importgut aus Frankreich.3 Die Jugendsektion des "Bloc identitaire" nennt sich dort "Génération identitaire". Als Vorbild dient außerdem CasaPound Italia, besonders was die Aktionsformen betrifft, die man von der Neuen Linken kopiert hat.4 Diese Strömungen der Neuen Rechten haben allerdings in Henning Eichberg, der schon 1978 mit der Schrift Nationale Identität den Fokus auf Identität richtete, auch einen deutschen Vordenker.5 Als "Identitäre" bezeichneten sich zuerst Neue Rechte in Österreich ab 2012. Seit 2014 firmiert die Gruppierung in der Bundesrepublik als "Identitäre Bewegung Deutschland". Nicht nur, aber vor allem die Migration bedrohe, so die Botschaft, unsere Identität als Deutsche und Europäer. Bei einem Treffen in Frankfurt/M. warnte man 2012: "Europa steht auf dem Spiel. Keine Kinder. Massenzuwanderung. Dekadenz & Kulturverfall. Islamisierung. Selbsthass. Fremdenliebe. Wirtschaftskrise. Asylbetrug. Rechtsfreie Räume. Scharia-Zonen. Migrantengewalt. Political Correctness. Wenn wir jetzt nichts tun, waren wir die letzte freie Generation Europas"6.

Ähnliche Ängste werden in den USA geschürt, wo die white supremacy nicht mehr gesichert scheint. In Deutschland hat die Ideologie Eingang in das Parlament gefunden. Marc Jongen, Abgeordneter der AfD, forderte zum Beispiel am 21. März 2018 die Bildung "einer eigenen kulturellen Identität ohne Denkverbote und permanente Nazikeule"7. Und der Vizechef des AfD-Kreisverbandes Unterfranken-Nord, Jochen Behr, meinte in einem Post im Internet, man könne ein Volk auch töten, "indem man ihm das nimmt, was es ausmacht, seine Identität… Das gilt auch für das deutsche Volk"8.

Politische Mimikry

So einfach und schlicht und auf Anhieb als rechtes Gedankengut erkennbar sind die Äußerungen im neurechten Diskurs keineswegs immer. Manche Texte wirken auf den ersten Blick verwirrend. Das gilt bereits für die Texte von Alain de Benoist, der als Begründer der Neuen Rechten gilt. Er wendet sich zum Beispiel gegen die Globalisierung, weil sie "die Vielgestaltigkeit der Welt", die er preist, "zugunsten der Entfesselung des Kapitals" zerstöre.9 Erst auf den zweiten Blick wird einem klar, was nicht in den Blick kommt, nämlich die Zerstörung sozialer Strukturen, die erst die Lebensfähigkeit der Kulturen untergräbt.10 Außerdem macht stutzig, dass für ihn Ungleichheiten ein "notwendiges Ergebnis" der Vielgestaltigkeit sind. Genaues Lesen verlangt auch sein Bekenntnis: "Ich billige keinerlei Kastenprivileg. Ich mache die Chancengleichheit zu einer Forderung jeder Sozialpolitik"11. Aber was kennzeichnet "die oft verabscheuungswürdigen Ungleichheiten" gegenüber anderen Ungleichheiten? De Benoist spricht sich auch "für einen gemäßigten Multikulturalismus aus, der vom Kommunitarismus inspiriert ist und der zugleich sowohl Assimilation wie Apartheid zurückweist"12.

Häufig findet man die Beteuerung, dass ein gesellschaftlicher Konflikt entstanden sei, der nicht mehr in den politischen Kategorien von rechts und links zu fassen sei.13 Schon Eichberg postulierte 1978: "Die Kategorien von ›Rechts‹ und ›Links‹ erweisen sich selbst als überholt…"14. Ein Interview wird eingeleitet mit der Charakteristik: "Diego Fusaro hält die alten Kategorien von Links und Rechts überholt"15. Der Interviewte versichert: "Ich halte den historischen Widerstand gegen den Faschismus nicht nur für gerechtfertigt, sondern sogar für notwendig". Dabei ist das Adjektiv "historisch" zu beachten, wie die darauf folgende Anmerkung zeigt, dass wir in einer Epoche lebten, "in der der Faschismus gar nicht mehr existiert." Fusaro trifft eine Unterscheidung, deren praktische Konsequenzen er im Unklaren lässt. Man solle "nicht gegen die Migranten, sondern gegen die Masseneinwanderung sein".

Politische Mimikry macht die Zuordnung oft nicht einfach. Im bunten Magazin Compact, herausgegeben von Jürgen Elsässer, findet man einen Artikel über den Putsch in Venezuela und einen über die kriminellen Gangs in El Salvador (Heft 03/19). Beide könnten auch in einem linken Organ stehen. Die kryptische Sprache in einem Essay über die Rote Armee Fraktion in der Zeitschrift Sezession 87 macht es schwer, die Konsequenz der Ausführungen zu erschließen. Der Verfasser beendet ihn übrigens mit dem Adorno-Zitat "Es gibt kein richtiges Leben im falschen"16. Vieldeutige Formulierungen sind eine Spezialität neurechter Publizistik. Die Tarnung ließe sich zum Beispiel an einem Artikel über Alt-Right-Positionen in den USA zeigen, in dem der Autor distanziert sachlich referiert, aber die extrem rassistischen Positionen doch als ernst zu nehmende offeriert. Schließlich bewegten sich "auch profilierte Wissenschaftler" im Umkreis der Alt-Right.17 Exemplarische Betrachtung verdienen die gewundenen Äußerungen, mit denen sich der Verfasser vom "rassischen Antisemitismus" der Alt-Right distanziert: "Aber freilich sollte die behauptete Virulenz der jüdischen Frage nicht schon darum bestritten werden, weil deren antisemitische Beantwortung auch den meisten Nichtjuden unerträglich ist; denn unstrittig ist allemal, daß die neokonservative und multikulturelle Wende in der amerikanischen Politik maßgeblich von jüdischen Strategen und Ideologen eingeleitet wurde".18

Verwirrend dürfte für den durchschnittlichen Leser oder Internet-Nutzer auch folgende Passage sein: "Nur wer ein ehrliches und aufrechtes Verhältnis von sich selbst und dem Eigenen definiert, kann gleichzeitig dem Anderen offen und anerkennend in der Verschiedenartigkeit begegnen. Diese inhaltliche Positionierung erteilt jeglichem Rassismus und Chauvinismus eine klare Absage"19.

Der Tarnung dienen speziell bei den Identitären auch Sprachregelungen. Statt von "Umvolkung" ist vom "Großen Austausch" die Rede, statt von Abschiebungen von "Remigration", die dem Erhalt des "Ethnopluralismus" dienen soll.

Kernpositionen der Identitären

Die tragenden Elemente der identitären Ideologie lassen sich so zusammenfassen: Völker könnten nur überleben, wenn und solange sie ihre "ethnokulturelle" Identität bewahrten (a). Dabei wird zwischen der regionalen, der nationalen und der europäischen Ebene unterschieden.20 Auch das Individuum könne Identität nur in diesem kollektiven Rahmen entwickeln. Die ethnokulturelle Identität sei primär durch die Migration, generell durch die Globalisierung bedroht (b). Daher müsse die Einwanderung aus fremdkulturellen Regionen verhindert oder rückgängig gemacht werden. Voraussetzung seien die Wiedererweckung eines Nationalbewusstseins, aber auch des Bewusstseins von der "zivilisatorischen Identität" Europas und die Sicherung der europäischen Grenzen. Eine weitere Bedrohung (c) stelle die fehlende "demographische Dynamik" dar, weil diese den Selbstbehauptungswillen von Völkern schwäche.21 In Deutschland sei dafür aber auch der von den "Eliten" gepflegte lähmende Komplex einer Kollektivschuld verantwortlich. Das "einfache Volk" habe ein Gespür für diese Bedrohungen, sein Widerstand werde jedoch durch den "Zeitgeist" erschwert. Das Volk werde von den "transatlantischen Eliten" gegängelt (d). Kubitschek will dem eine Avantgarde entgegensetzen, die sich der medialen "Ablenkung" verweigert und durch geistige "Askese" auszeichnet. Eine Gefahr für die völkische und individuelle Identität wird auch im Verfall stützender Ordnungsgerüste gesehen, die als natürlich gelten. Speziell die traditionelle Geschlechterordnung soll nicht in Frage gestellt werden (e).

(a) Das höchste Gut ist für die Identitären die "ethnokulturelle Identität". Sie gilt es zu verteidigen, weil sie dem Individuum einen Platz in der Gesellschaft und seinem Volk einen Platz in der internationalen Rangordnung sichert.22. Die eigene identitäre Position klärt der Verfasser eines Artikels über die US-amerikanischen Alt-Right in Absetzung von deren biologistischem Rassismus: "…ihre Abkehr von der christlich-konservativen Leitkultur hat einer neuheidnisch-naturalistischen Denkungsart Vorschub geleistet, welche kulturelle Identitätsfragen zuweilen kurzschlüssig mit rassischen Gegebenheiten und genetischen Gruppeninteressen beantwortet"23. Identität wird also als kulturell determiniert gesehen, ohne dass "rassische Gegebenheiten" geleugnet werden. Anerkennend wird sogar vermerkt, dass einer der Verteidiger der white identity sich nicht "der alten kulturhistorischen Einsicht" verschließt, "daß Zivilisationen nicht allein von politischen Prinzipien zusammengehalten werden, sondern letztlich auf rassischen Fundamenten ruhen". Rassenunterschiede seien demnach eine Tatsache, aber sie begründeten nicht völkische Identität. Diese sei Ergebnis eines kulturellen Prozesses, zweifellos aber auch exklusiv.

Einer der Beiträger in der Zeitschrift Sezession zeichnet die "Konturen einer endlosen Krise" nach. Er diagnostiziert eine "kognitive Dissonanz" zwischen Wirtschaftswachstum und "Enteignung der Sparer", zwischen Vollbeschäftigung und Zuwanderungspolitik und "die tiefgreifende Verunsicherung eines Gemeinwesens" seit Merkels "Grenzöffnung"24. Große Bedenken gelten der "heutigen Identitätspolitik" von Minderheiten mit ihrer "Tendenz zur Abschottung und Individualisierung", was zur "Fragmentierung des Gemeinwesens" führe, eine fast wörtliche Übernahme von Formulierungen aus einem Artikel des Soziologen Furedi (2018), dessen aufklärerische Intention ins Gegenteil verkehrt wird. Der Autor suggeriert den Lesern, dass Furedi einen "europäischen Krieg der Kulturen und Werte" diagnostiziere.

Die Fetischisierung der nationalen Identität liefert auch Maßstäbe für Architektur und Stadtplanung. Der Kunsthistoriker Claus Wolfschlag wirbt leidenschaftlich für die umstrittene Rekonstruktion eines Teils des im Krieg zerstörten Frankfurter Altstadtzentrums, wie er auch die Rekonstruktion des Berliner Schlosses und alle Projekte dieser Art verteidigt. Denn: "Die Dekonstruktion der Identität findet nicht nur auf dem Gebiet der Bevölkerungsumschichtung statt"25.

(b) Zur Rettung des deutschen Volkes und Europas sei man verpflichtet, den "Großen Austausch" zu verhindern. Der Begriff ist übernommen von Renaud Camus, dessen Buch Le grand remplacement26 man 2016 unter dem Titel Revolte gegen den Großen Austausch auf den Markt brachte. Camus hat nach Hentges (2018) als Stichwortgeber oder Theoretiker der Identitären an Bedeutung gewonnen. Das von ihm entworfene Bedrohungsszenario ist die Eroberung Europas durch die ehemaligen Kolonialvölker, eine Angstprojektion, die für einen Franzosen verständlicher sein mag. Wenn schon Migration, so in deutschsprachigen Presseorganen der IB, dann sollte sie selektiv sein mit Rücksicht auf die kulturelle Homogenität, aber auch im Hinblick auf den Gewinn für die Wirtschaft. Die Junge Alternative fordert in ihrem Grundsatzprogramm, "dass in Zukunft bei der Auswahl von Flüchtlingen uns kulturell nahestehende Minderheiten bevorzugt aufgenommen werden"27. "Zusätzlich dazu müsste aber […] die kulturelle Nähe des Einwanderers zu Deutschland besondere Berücksichtigung finden".

Unter dem wirtschaftlichen Aspekt verweist ein Autor auf die Migrationspolitik der angelsächsischen Staaten als Vorbild, weil man dort die "Leistungsträger" im Blick habe. "Die Anreize für die Zuwanderung Bildungsferner wird [sic!] dort erschwert, so daß eine Einwanderung in die Sozialsysteme weitgehend unterbunden ist"28.

(c) "Demography is destiny" wird ein Vertreter der Alt-Right in dem o.g. Aufsatz zitiert, wenngleich mit einer gewissen Distanzierung von der forschen These vom weißen Genozid, aber mit dem Zugeständnis, jener George T. Shaw bringe "den Ernst der Lage" auf den Punkt.29 Martin Sellner von den österreichischen Identitären weiß: "Der demographische Winter Westeuropas ist das notwendige Ergebnis seines Nihilismus und seiner Dekadenz"30.

Dass das deutsche Volk nicht zu seiner wirklichen Stärke, zu seiner angemessenen Weltstellung und Identität finde, wird vor allem dem "Schuldkult" angelastet. Kein Wunder, dass für die Rechten schon 1918 bei der Kriegsschuldfrage die Unterwerfungsgesten beginnen. Sogar die Niederlage der deutschen Generäle wird in Zweifel gezogen.31

(d) An die Stelle der Klassengegensätze tritt bei den Identitären das Gegenüber von "Volk" und "Eliten" oder auch "Establishment". Gelegentlich werden die Eliten als "transatlantische Eliten" charakterisiert. Das Volk hat für manche Rechte das Gespür dafür, was gerecht und Recht ist und was für Deutschland bedrohlich ist. Davon abweichend ist man im Kreis um Kubitschek überzeugt, dass es eine geistige Elite braucht, die das Volksbewusstsein weckt. Denn die Masse ist durch die postmoderne Unverbindlichkeit, durch die mediale Verführung und den Konsum stumpf geworden. Die Hoffnung wird gesetzt auf "eine Generation, die genug hat vom reinen Konsum und platten Materialismus, eine Generation mit einer Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe, eine Generation, die eine Spur hinterlassen möchte"32.

(e) Zu den postmodernen Verfallserscheinungen gehört für die Identitären auch der Abschied vom Dualismus der zwei authentischen Geschlechter. Die Zukunft soll wieder "echten" Männern und Frauen gehören. In Compact 03/19 wird ironisch ein Image-Film der Firma Gillette kommentiert, weil dort Männer nur noch in Softie-Rollen auftreten dürfen.

Diskussion

Zwar möchte die Neue Rechte "jeglichem Rassismus" eine Absage erteilen33, wenn auch manchmal etwas halbherzig. Aber auch wenn das Konzept "Rasse" zurückgewiesen und stattdessen auf "Volk" und "Kultur" als historische Größen rekurriert wird, so ist der ideologische Effekt dennoch eine Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Denn man will zwar nicht leugnen, dass das deutsche Volk historisch geworden ist, aber es wird ungeachtet dessen - entgegen punktuellen Beteuerungen - als statische Einheit vorgestellt, die sich nur unvermischt in ihrer bisherigen Zusammensetzung weiter entwickeln könne. Das Gebot der Reinhaltung ist das zweite ideologische Merkmal. Multikulturalität ist nicht denkbar. "Eine multikulturelle ist notwendigerweise (!) zugleich eine multiethnische Gesellschaft"34. Weil die unheilvolle Vermischung vermieden werden soll, deshalb ist der "Ethnopluralismus" ein zentraler Punkt der Programmatik. "Jedes Volk hat demnach auch das Recht, diese Eigenschaften und Merkmale seiner ethnokulturellen Identität zu bewahren und zu verteidigen"35.

Der Begriff der ethnokulturellen Identität wirft insofern Fragen auf, als der sozialwissenschaftliche Begriff der Ethnie schon kulturelle Spezifika impliziert, über die sich die Ethnie definiert. Die Aussage "Die ethnische und die kulturelle Seite unserer Identität sind dabei für uns gleichwertig"36, lässt vermuten, dass Ethnien als eine Naturkategorie gedacht werden. Folgende Erklärung bestätigt das: "Während der NS dem ethnischen Teil zu viel Gewicht gab, Volk rein biologistisch interpretierte und fälschlicherweise in der Rasse den alleinigen Schlüssel zur Weltgeschichte erblickte, verfallen die Multikultis genau in das andere Extrem und postulieren, dass es keine verschiedenen Populationen gäbe, sondern nur der kulturelle (und damit auch zum Großteil milieubedingte) Faktor ausschlaggebend sei"37. Implizit ergibt sich aus dieser Argumentation, dass man "Ethnie" an Stelle von "Rasse" gesetzt hat. Das macht die manchmal halbherzige Distanzierung vom Rassismus verständlich, weil die eigene Ideologie inkonsistent ist.

Der Unterschied zum Rassismus alter Art besteht darin, dass man die Vorstellung einer Rangordnung zwischen den Ethnien aufgegeben hat. Stattdessen das Bekenntnis zur Vielfalt, zum "Recht auf Verschiedenheit". Ethnische Vielfalt werde aber nach Vorstellung der Identitären den nationalen Rahmen sprengen. Vielfalt kann es nur räumlich getrennt geben. Warum das so sein muss, ist unklar, wenn man den hohen Stellenwert der Narrativität in dem schon zitierten Blog bedenkt. Warum sollte eine um Einwanderer ergänzte Nation, die ohnehin schon viele Einwanderungswellen hinter sich hat, nicht auch ihre Geschichte erzählen können. Eine einheitliche Erzählung wird es nie geben können, was auch in dem genannten Blog zugestanden wird: "Erinnerung kann nie allumfassend sein, sie ist stets subjektiv" und selektiv. Dass die nationale Narration nicht bloß subjektiv ist, sondern das Ergebnis von geschichtspolitischen Diskursen, besonders in einer Klassengesellschaft, sei nur nebenbei angemerkt. Aber der verleugnete Essentialismus in der identitären Vorstellungswelt wird an der im selben Text zitierten Setzung von de Benoist deutlich: "Ein Volk besteht fort dank seiner Narrativität, indem es sich sein Wesen in sukzessiven Deutungen aneignet". Bei aller Selektivität des kollektiven Gedächtnisses gilt es also, sich das "Wesen" des Volkes anzueignen. Die praktische Konsequenz daraus ist die Geschlossenheit und Exklusivität der Nation.

In dem Blog über Identität kündet die Schlusspassage, die im Stil eines Manifests abgefasst ist, allen, die sich als Identitäre verstehen, ihre historische Aufgabe: "Die heutige, vom Liberalismus geschaffene westliche Welt ist so anti-identitär. Sie stellt uns Patrioten, Konservativen und Traditionalisten damit eine bohrende Frage, indem sie uns in Frage stellt. Unsere Antwort, unsere Wahrheit, die uns in die Lage versetzen wird, als wir selbst in Europa fortzudauern, wird aufs Ganze gehen müssen und das Ganze umfassen. Die identitäre Bewegung muss sich, in einer ganzheitlichen Weltsicht, das Ethnisch-Kulturelle und das Universal-Transzendente (nicht das Universalistische) zurückerobern und es den Klauen der Moderne entreißen". Den Adressat*innen wird damit umfassende Handlungsfähigkeit suggeriert, die Wiedergewinnung eines Subjektstatus versprochen.

Diese Ideologie ist keineswegs von bloß akademischem Interesse. Sie kann Fanatiker oder psychisch Kranke zu radikalen "Lösungen" ermuntern, zum Beispiel zu einem Massaker an den Angehörigen fremder Minderheiten wie im Frühjahr 2019 in Neuseeland. Der Mörder hatte vorher Kontakt mit Martin Sellner, dem führenden Kopf der Identitären in Österreich.

Anmerkungen

1) Ich vernachlässige die neoliberalnationalistische und die nationalkonservative Strömung in der Neuen Rechten, die parteipolitisch innerhalb der AfD bedeutsam sind.

2) Gudrun Hentges u.a. 2014: "Die Identitäre Bewegung Deutschland - Bewegung oder virtuelles Phänomen?" Supplement zu Forschungsjournal Soziale Bewegungen 3/14 (htttp://www.forschungsjournal.de/fjsb-plus)

3) 2016 rechnete der Verfassungsschutz ca. 300 Personen diesem politischen Spektrum zu. Vgl. Gudrun Hentges 2018: "Die Identitären - eine Bewegung von rechts als Wegbereiterin einer anderen Republik?", in: Christoph Butterwegge u.a.: Auf dem Weg in eine andere Republik? Neoliberalismus, Standortnationalismus und Rechtpopulismus, Weinheim u. Basel: 76-97.

4) Ebd.

5) Ebd.

6) Zit. nach Gudrun Hentges u.a. 2014 (siehe Anm. 2): 7.

7) junge Welt v. 13.2.19: 7.

8) junge Welt v. 2.1.2019: 15.

9) https://de.wikipedia.org/wiki/Alain_de_ Benoist Zugriff v. 09.04.19.

10) Das punktuelle Missverständnis bei Themen wie Globalisierung erklärt sich daraus, dass das Kapitalverhältnis nicht berücksichtigt wird. Kapitalismus bleibt eine leere Formel. Eine Ausnahme bildet ein Querfront-Stratege wie Benedikt Kaiser.

11) https://de.wikipedia.org/wiki/Alain_de_ Benoist, Zugriff v. 09.04.19.

12) Interview mit der Jungen Freiheit vom 17. Juli 1998.

13) Z.B. in Sezession 87: 17. Der Autor nimmt dabei eine radikale Umdeutung eines Artikels von Frank Furedi (Frank Furedi 2018: "Identitätspolitik: Solidarität war gestern": https://www.nzz.ch/feuilleton/identitaetspolitik-solidaritaet-war-gestern-ld.13431 47) vor.

14) Zit. nach Gudrun Hentges u.a. 2014 (siehe Anm. 2): 2.

15) Sic! Compact 03/19: 62.

16) Sezession 87: 35.

17) Ebd.: 13.

18) Ebd.: 12. Die neue Rechtschreibung wird boykottiert, um anscheinend Widerstand gegen den Mainstream zu demonstrieren.

19) http://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-heisst-fuer-euch-eigentlich-identitaet, Zugriff v. 26.3.19.

20) Mit dem Begriff "Volk" sind indirekt immer Nationen und Nationalitäten des globalen Nordens gemeint, wie aus den Kontexten hervorgeht. Ich habe keine Definition des Begriffs gefunden.

21) Götz Kubitschek: Europa Nostra. Referat am 25.08.2018 in Dresden. https://www. youtube.com/watch?v=Taz6lf9mOQc.

22) Judith Goetz 2018: "Der Kampf der "Identitären" für die Erhaltung ihrer ethnokulturellen Identität", in: Politikum 4/18: 38-44; hier: 43.

23) Sezession 87: 13.

24) Ebd.: 16ff.

25) Sezession 86: 48.

26) Renaud Camus, "Le grand remplacement" (3. Aufl. 2015), auf deutsch erschienen 2016 unter dem Titel "Revolte gegen den Großen Austausch".

27) Zit. nach Compact 03/19: 46.

28) Sezession 87: 17.

29) Sezession 86: 11.

30) https://sezession.de/58149/fiume-kommt -nicht-wieder-demographie-und-chancen.

31) Sezession 87: 54.

32) http://www.identitaere-bewegung.de/blog/ueber-identitaet.

33) http://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-heisst-fuer-euch-eigentlich-identitaet.

34) Compact 03/19: 64.

35) http://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-heisst-fuer-euch-eigentlich-identitaet.

36) Ebd.

37) http://www.identitaere-bewegung.de/blog/ueber-identitaet.

Georg Auernheimer hatte eine Professur für Erziehungswissenschaft an den Universitäten Marburg und Köln. Bei PapyRossa in der Reihe Basiswissen ist von ihm 2020 erschienen: "Identität und Identitätspolitik".

 

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