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Wie Achille Mbembe des Antisemitismus bezichtigt wurde

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Wie Achille Mbembe des Antisemitismus bezichtigt wurde

Transatlantische Überlegungen über deutsche Farbenblindheit zu Zeiten von #BlackLivesMatter (Zur Diskussion)
[email protected] 3 März, 2021 - 06:19

Achille Mbembe war überrascht und schockiert, als er Anfang 2020 erfuhr, er werde des Antisemitismus bezichtigt. Dieser Vorwurf kam ausgerechnet aus Deutschland, wo er zu vielen Anlässen einen überaus freundlichen Empfang bekommen hatte. Er erhielt prestigeträchtige wissenschaftliche Preise wie den Geschwister-Scholl-Preis (2015), den Gerda-Henkel-Preis (2018) und den Ernst-Bloch-Preis (2018). Wie kam es also dazu, dass der international renommierte postkoloniale Kritiker von der University of the Witwatersrand im Frühjahr 2020 geradezu aus dem blauen Himmel von Mitgliedern und Beauftragten der deutschen Regierung beschuldigt wurde, er propagiere antisemitische Ansichten?

Zu Mbembes Verteidigung wurde bald vorgebracht, die Anschuldigung beruhe auf einem grundlegenden Missverständnis, nämlich der Vermengung des Vergleichs mit historischer oder moralischer Relativierung.[1] Jedoch sei der Vergleich in jeder Disziplin eine legitime Form wissenschaftlicher Forschung. Demnach hätten die Holocaust- und Genozid-Forschungen sowie die postkolonialen Studien, die unmittelbar von der Auseinandersetzung betroffen sind, seit langem vergleichende Analysen angestellt, um zu verstehen, wie ein bestimmter Fall staatlich organisierter Gewalt oder warum der Auslöser eines historischen Traumas für Einzelpersonen, Institutionen und größere Gruppen weitreichende Konsequenzen hat. Auch Mbembe (2020a) sprach über diese Frage in einem stark emotional geführten Interview mit einem deutschen Journalisten. Er erklärte, dass die "vergleichende Kolonialismusforschung" darüber aufkläre, "wie unsere moderne Welt wurde, was sie heute ist, und wie wir sie gemeinsam reparieren können" (ebd.). Diese intellektuelle Tätigkeit "hat nichts damit zu tun, den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren" (ebd.). Mbembe betonte hinzu, er sei sich völlig bewusst, dass "das Vorhaben der Vernichtung der Juden, das in Deutschland ins Werk gesetzt wurde, […] die Menschheit als Ganze" betreffe und nicht nur die Deutschen (ebd.). Das habe er als Kind gelernt. Kamerun, das sein Herkunftsland war, galt selbst als eine "deutsche Kolonie, in der nacheinander mehrere Kolonial-Gouverneure, darunter Gouverneur Jesko von Puttkamer, für Gräueltaten verantwortlich waren" (ebd.). Für Mbembe sei es daher wichtig, den Kolonialismus und den Holocaust in ein und demselben globalen historischen Entwicklungsgang nachzuzeichnen. Dies helfe zu verstehen, dass unterschiedliche Ausformungen von rassistischer Herrschaft, wirtschaftlicher Ungleichheit und ökologischer Ausbeutung nicht in abgetrennten politischen Zusammenhängen entstanden sind, sondern tief psychologisch verankert und auf prinzipielle Weise miteinander in Beziehung ständen. Nicht zuletzt machte Mbembe klar, dass er "keinerlei Beziehung" mit BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) habe, der Bewegung, die zentraler Gegenstand der Kontroverse war (ebd.). Seine Veröffentlichungen wendeten sich kritisch gegen die Enteignung und Demütigung von Palästinenser*innen in Gaza und der West Bank, doch bedeute dies nicht, er gehöre zu BDS.

Inzwischen hat die globale Pandemie das Feuer, das in der Schlacht um Mbembes vermeintlichen Antisemitismus wild aufgelodert war, etwas eingedämmt, aber die Kontroverse hält nun mit neuen Beschuldigten an.[2] Auch sind weitere Wissenschaftler*innen, Kritiker*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen Mbembe beigesprungen oder haben "seinen Hass auf Israel" (Mangold 2020) bestätigt, ohne dass die Kontroverse zu einem Ende gelangt ist. Wie geht es also weiter? Sind wir mit einem Blick nach vorn nun vielleicht besser gerüstet als vor ein paar Monaten, um die Auseinandersetzung in eine konstruktive Richtung zu lenken?

In der Rückschau lassen sich manche Dinge besser erkennen. Erstens betraf die Kontroverse nie eine Entscheidung zwischen palästinensischen Rechten und israelischer Souveränität.[3] An keiner Stelle in Mbembes Veröffentlichungen findet sich eine Formulierung, die die Auflösung des Staates Israel verlangt. Vielmehr bezieht er sich auf eine lange, freilich marginalisierte Tradition in den postkolonialen Studien, die sich mit den schädlichen Praktiken von Israels Sicherheitsregime in den Besetzten Gebieten befasst.[4] Mbembe macht sich manchmal rhetorisch dramatischer Aussagen schuldig, zieht allgemeine Schlussfolgerungen oder fasst die Arbeiten anderer auf lockere Weise zusammen, aber nichts davon stellt - wie seine Kritiker*innen zu Unrecht behaupten - die Existenz Israels in Frage oder befasst sich auch nur mit der Möglichkeit politischen Wandels im israelisch-palästinensischen Konflikt. Mit Bezug auf seine Analogie zwischen Nazi-Deutschland, Südafrika unter Apartheid und dem heutigen Israel kann man sogar behaupten, dass er auf ausgleichender Gerechtigkeit (restorative justice) besteht, d.h. dass er Machtteilung, kollektives Eingedenken und inklusive staatsbürgerliche Rechte als Zielsetzungen fordert. Zudem ist es sein gutes Recht, in Südafrika, Nordamerika und Westeuropa die Wahrheit gegenüber den Mächtigen auszusprechen, und auch die meisten seiner Kritiker*innen scheinen anzunehmen, dass Kritik an dem Vorgehen der israelischen Regierung gegenüber arabischen Palästinenser*innen legal und legitim ist, solange die UN-Sicherheitsratsresolution 181 respektiert bleibt.[5]

Zweitens geht es in der Kontroverse nur an der Oberfläche um gründliches Lesen, historische Genauigkeit und angemessene Berücksichtigung von Zusammenhängen. Diese Fragen werden in zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen betont, doch geschieht dies von diametral einander entgegengesetzten Standpunkten aus, ohne dass es jemals zu einem deliberativen Konsens käme. Dafür möchte ich drei Beispiele anführen. Aleida Assmann (2020) sieht Mbembe weniger als vergleichenden Historiker denn als emphatischen Kosmopolit, weil seine Arbeiten "das Band der Empathie und Einfühlung von einer Gewaltgeschichte in eine andere" verfolgen - vom kolonialen Rassismus und Nationalsozialismus zur südafrikanischen Apartheid, zu Israel/Palästina und zur gegenwärtigen neoliberalen Weltordnung. Ijoma Mangold (2020) ist darin anderer Meinung. Aus seiner Sicht ist Mbembe doch "Historiker", dessen im Gefolge Foucaults an Biopolitik orientierte Kritik am liberalen Sicherheitsstaat sich freilich auf merkwürdige Weise in einem grand récit niederschlägt, das von "moralische[m] Maximalismus" und "politische[m] Aktivismus" durchdrungen sei. Dann ist da Jürgen Kaube. Um mit Mbembes häufig wechselndem Untersuchungsgegenstand Schritt zu halten, kämpft auch er mit einem "bewegliche[n] Heer von Metaphern", um Friedrich Nietzsches Formulierung zu bestreitbaren Wahrheitsansprüchen zu benutzen (Nietzsche 1966: 314; Kaube 2020a; 2020b). Alle diese Beiträge haben gewissermaßen recht, aber die darin enthaltenen Meinungsverschiedenheiten zeigen vor allen Dingen, dass Mbembes Œuvre bei unterschiedlichen Leser*innen unterschiedlich ankommt. Da seine Vorstellung, ein verstricktes Subjekt nach dem Kolonialismus und Holocaust zu sein, nicht identisch mit Vorstellungen deutscher Staatsbürger*innen ist, überrascht es nicht, dass keinerlei Ausmaß genauer Lektüre, historischer Akkuratesse oder sorgfältiger Kontextualisierung ausreicht, um einen kosmopolitischen "Austausch" zu ermöglichen, wenn dies nicht mit einer tiefen gegenseitigen Abstimmung der unterschiedlichen Sprachen einhergeht, in denen unterschiedliche Bewertungen impliziert werden (Appiah 2006: 46). Da weder Tatsachen noch Werte etwas Selbstverständliches sind, das sich über kulturelle, sprachliche und nationale Grenzen hinweg universalisieren ließe, können hitzige Debatten über "ideologische Verzerrung", unterschiedliche historische Erfahrungen als Begründung von Urteilen, "Verschwörungstheorien" oder "sehr polemische, sehr politische" Darstellungen von "Tatsachen" über eine sehr lange Zeit hinweg fortgesetzt werden, ohne dass sich irgendjemandes Sinn zum Besseren wenden würde, von der Schaffung eines wohlbedachten Konsenses ganz zu schweigen (Latour 2004: 227, 230, 232).

Daher liegt der Schlüssel darin festzustellen, was uns um den Tisch herum versammelt. Aus meiner Sicht führt uns die Mbembe-"Affäre", wie sie inzwischen bezeichnet wird, aus dem Grund zusammen, dass sie einen wesentlichen bürokratischen Mechanismus offen legt, mit dem die deutsche Regierung seit der Wiedervereinigung die öffentliche Sphäre und die politische Kultur zu überwachen sucht. Sie mobilisiert die Erinnerung an den Holocaust zu zweierlei Zwecken: zum einen, um das Aufkommen eines ethnischen Nationalismus auf der Rechten abzublocken, und zweitens, um den zunehmenden Ruf nach postkolonialer Gerechtigkeit auf der Linken zu marginalisieren. Vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten, die der Sozialstaat damit hat, einen massiven und explosiven europäischen Einigungsprozess nur drei Jahrzehnte nach der eigenen Wiedervereinigung anzuführen, haben Regierungsmitglieder und -beamte in neuerer Zeit den Vorwurf des Antisemitismus als Mittel entdeckt, um Anspruch auf moralische Autorität zu erheben, den beiden genannten, diametral einander entgegengesetzten und doch historisch miteinander verwobenen Bewegungen Widerstand zu leisten und eine innenpolitische Einheit zu sichern. Mbembe ist der erste international renommierte Denker, der so scharf in dieses eigentümliche deutsche Kreuzfeuer geraten ist.

Die der Mbembe-Kontroverse zugrundeliegenden Strömungen auszubuchstabieren, ist nicht nur deshalb schwierig, weil sie quer durch Fragestellungen von historischer Faktizität und globalen Vergleichen oder selbst zu den verfehlten und ungleichen Verhandlungen zwischen Israel und Palästina verlaufen, sondern in Deutschland kollidiert auch die kollektive moralische Verantwortung für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust unter dem Nationalsozialismus - die wohlbekannte Mahnung des "Nie wieder!" - mit mächtigen Forderungen des anti-migrantischen weißen Nationalismus und nach einer radikaldemokratischen postkolonialen Gerechtigkeit (Kößler & Melber 2020). Dieser "Anti-Antisemitismus" führt besonders im gegenwärtigen Menschenrechtsdiskurs zu einer Universalisierung von menschlichen Leiden, die aus den traumatischen Erfahrungen der Juden während des Zweiten Weltkriegs ausgehen. Paradoxerweise erlaubt dies, dass jegliche Kritik Israels mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, so dass dessen Sicherheitspolitik nie der universellen Verpflichtung unterliegt, auch die Menschenrechte der arabischen Palästinensern*innen zu bewahren (Meister 2010: 179f, 185). Dementsprechend befinden sich die Regierungen in Nordamerika und Westeuropa in einer ähnlichen Lage. Sie sehen sich dem Druck von links (die BDS-, #BlackLivesMatter- und #MeToo-Bewegungen sowie postkoloniale Aktivist*innen usw.) gegenüber und von rechts (alt-right, AfD und neokonservative Gruppen), aber der Disput über den Vorwurf gegen Mbembe wegen Antisemitismus zeigt eine aufschlussreiche Limitierung der Staatsräson Deutschlands auf, die in einzigartiger Weise den Holocaust in den Mittelpunkt rückt. Damit wird in Deutschland eine immer stärker eingeschränkte Reihe von akzeptablen kulturpolitischen Werten für die deutsche Staatsbürgerschaft festgelegt, so dass die deutlich vielfältigere Bevölkerung, deren Wurzeln in der postkolonialen Welt oder im Osten Europas liegt, weniger öffentliche Anerkennung erfährt.

Ähnlich, aber doch verschieden

Von Anfang an ging die Kontroverse weniger über Mbembe und mehr darum, die BDS-Bewegung in Schach zu halten. Zunächst beschuldigte am 23. März 2020 Lorenz Deutsch, Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag und Sprecher der FDP für Kulturpolitik, die Direktorin der Ruhrtriennale Stefanie Carp, sie habe gegen "eindeutige Verabredungen" (Deutsch 2020a) verstoßen. Er bezog sich dabei auf das vermeintliche Ergebnis einer früheren Kontroverse zwei Jahre zuvor. Schon 2018 war Carp scharf dafür kritisiert worden, die schottische Musikband Young Fathers für einen Auftritt beim Bochumer Kunst- und Musikfestival eingeladen zu haben. Ihr war damals nicht bekannt gewesen, dass diese preisgekrönte Gruppe offen die BDS-Bewegung unterstützte. Doch als die Regierung auf diese Beziehung hingewiesen wurde, wandten sich Mitglieder des Landtags gegen den geplanten Auftritt. Die nordrhein-westfälische Ministerin für Kultur und Wissenschaft Isabel Pfeiffer-Poensgen erklärte z.B., dass keine parlamentarische Körperschaft in Deutschland direkt oder indirekt eine Bewegung, die keine "feste Strukturen" habe und "radikale Positionen" vertrete (Peschel & Grenier 2018), finanzieren dürfe. Sie betonte, es sei nicht die Absicht der Regierung, die künstlerische Freiheit einzuschränken oder irgendjemandem das Recht zu beschneiden, Israels Politik gegenüber den arabischen Palästinensern*innen zu kritisieren. Jedoch könne es in der deutschen Öffentlichkeit in keinem Fall hingenommen werden, dass der deutsche Staat mit einer Aktivist*innen-Gruppe in Beziehung gebracht werde, die israelische Bürger*innen, Institutionen und Organisationen zum Gegenstand von Boykotten, Desinvestitionen und Sanktionen mache. Dies habe einen unheimlichen Anklang auf die Vergangenheit des Nationalsozialismus. Auf diesen zunehmenden Druck hin lud Carp Young Fathers aus.

Schon nach einigen Wochen aber lud Carp die Musiker wieder zur Ruhrtriennale ein, weil sie sich inzwischen genauer über BDS informiert hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass Künstler*innen und Musiker*innen, die sich kritisch gegenüber der israelischen Regierung positionieren, nicht notwendig antisemitisch seien; und auch ihre Einladung sollte nicht als antisemitischer Akt missdeutetet werden. Sie bot Young Fathers sogar die Gelegenheit, ihre politische Position auf der Bühne zu erläutern, und unterstrich so die Rolle, die die Kunst in demokratischem Handeln und politischer Auseinandersetzung spielen kann. Dennoch war der Schaden schon geschehen. Die Band weigerte sich, an dem Programm teilzunehmen. Wie ihr Manager sagte, erschien ihnen das Hin und Her der Kontroverse als "Zensur" und als "zutiefst verfehlter und unfairer" Verstoß (Eddy & Marshall 2018).

Zwei Jahre später stellte Deutschs offener Brief daher für Carp so etwas wie ein déjà vu dar, nur dass sich die Forderung der Ausladung diesmal gegen einen ausländischen Gelehrten richtete. Der Brief wurde kurz nach Carps Ankündigung veröffentlicht, dass Mbembe die Eröffnungsrede der Ruhrtriennale 2020 halten werde. Deutsch wandte sich gegen diese Einladung, weil Mbembe wie Young Fathers anscheinend BDS unterstütze und seine wissenschaftliche Arbeit für diese breit gestreute Bewegung typisch sei. Um diesen Vorwurf zu begründen, zitierte Deutsch den folgenden Absatz aus Mbembes Essay von 2016, "The Society of Enmity":

"Doch die Metapher der Apartheid reicht nicht aus, um das israelische Trennungsprojekt zu erfassen. Zunächst einmal ruht dieses Projekt auf einem recht einzigartigen metaphysischen und existenziellen Sockel. Die darunter liegenden apokalyptischen Ressourcen und Katastrophen sind weitaus komplexer und geschichtlich viel tiefer verwurzelt als alles, was den südafrikanischen Calvinismus machte." (Mbembe 2017: 85)[6]

Aus der Sicht von Deutsch vergleicht der Autor nicht einfach nur Apartheid mit dem "israelischen Projekt der Separation", sondern bewertet letzteres aufgrund der Gewalt heutiger Militärtechnologie als weit destruktiver. Dies sei ein schlampiger Vergleich; denn es würden "vollkommen unterschiedliche Situationen in unzulässiger Weise" gleichgesetzt. Auch wenn Begriffe wie "Mauer, Grenze[,] Separation[,] Vernichtung" benutzt würden, um die beiden historischen Kontexte zu vergleichen, lasse Mbembes Argumentation wie auch die Forderungen von BDS jegliche "sachliche Kritik an israelischem Regierungshandeln" vermissen. Die wahre Zielsetzung bestehe in der "Beendigung" der "Existenz" des Staates Israel durch "Dämonisierung, Delegitimierung und Desinformation" (Deutsch 2020a).

Doch damit nicht genug. Deutsch kritisierte weiter, dass Mbembe durch einen weiteren Vergleich die Grenze überschritten habe, nämlich den zwischen Apartheid und Shoah. Deutsch zitierte weiter aus Mbembes Essay:

"Das Apartheidregime in Südafrika und - in einer ganz anderen Größenordnung und in einem anderen Kontext - die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei emblematische Manifestationen dieses Trennungswahns." (Mbembe 2017: 89)

Ohne weiter ins Detail zu gehen, meinte Deutsch, dieser Vergleich relativiere die Shoah und setze "die heutigen Juden Israels […] an die Stelle der nationalsozialistischen, weißen Verbrecher" (Deutsch 2020a). Angesichts zuerst "antisemitische[r] 'Israel-Kritik'" und dann "Holocaustrelativierungen und extremistische[r] Desinformation" solle Carp die Einladung an Mbembe umgehend zurücknehmen (ebd.).[7]

Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Kontroversen von 2018 und 2020 recht ähnlich. In beiden Fällen wird moralische Schuld durch eine Verbindung begründet. In beiden Fällen geht es um Absagen aufgrund der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016. Dazu gehören "[f]alsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden", "die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen", "[d]ie Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird", "Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten" und "[d]as kollektive Verantwortlichmachen von Jüdinnen und Juden für Handlungen des Staates Israel" (IHRA 2016). Weil die BDS-Kampagne zu Boykott im Wissenschaftsbereich, kultureller Desinvestition und wirtschaftlichen Sanktionen aufruft, die sich gegen israelische Staatsbürger*innen in Deutschland richten und damit auch indirekt Deutsche betreffen, werden Young Fathers und Mbembe aufgrund ihrer Verbindung mit BDS des Antisemitismus für schuldig befunden.

Es bestehen jedoch markante Unterschiede zwischen dem, was vor mehr als zwei Jahren geschah, und der konzertierten Anstrengung, Mbembe als Gelehrten zu diskreditieren. Erstens schuf im Mai 2018 das deutsche Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat eine Stelle, die sich der Förderung jüdischen Lebens und dem Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland widmen sollte. Der erste Inhaber dieser Stelle, Felix Klein, konnte im Fall von Young Fathers nicht rechtzeitig intervenieren, er tat das aber zwei Jahre später und nahm Deutschs Anschuldigung auf. Auf diese öffentliche Eskalation hin verfassten 37 international renommierte israelische und jüdische Forscher*innen einen unmittelbar an den Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat Horst Seehofer gerichteten offenen Brief und forderten die Entlassung Kleins als Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Diesem Brief zufolge beschuldigte Klein Mbembe zu Unrecht des Antisemitismus, ohne sich eingehend mit seinen Veröffentlichungen beschäftigt zu haben. Die Unterzeichner*innen behaupteten weiter, neben dieser ernsthaft verleumderischen Behauptung benutze Klein Antisemitismus als politische "Waffe", um Kritiker*innen der israelischen Regierung zum Schweigen zu bringen, obwohl Mbembe doch gesetzlich in der Ausübung seiner "akademischen Freiheit" geschützt sei (Algazi u.a. 2020). Klein habe noch zwei weitere Fehler begangen. Erstens habe er mit der impliziten Annahme, der Holocaust sei dem Vergleich entzogen, wertvolle wissenschaftliche Einsichten aus der Erforschung des Holocaust "im vergleichenden Kontext" verboten (ebd.). Das sei in sich selbst eine radikale Position. Zweitens ignoriere Klein die Tatsache, dass BDS für die Rechte der Palästinenser*innen gerade wegen des Strebens Israels nach der "Annexion wichtiger Teile Palästinas" kämpfe, was gegen internationale Abkommen verstoße (ebd.).[8]

Das Amt des Antisemitismus-Beauftragten war ursprünglich eingerichtet worden, um auf den unterschiedlichen staatlichen Ebenen eine wirkungsvolle Strategie zu koordinieren, um antisemitische Übergriffe zu beenden. Das war eine notwendige und wohlmeinende Antwort auf den rechtsextremen Populismus, der seit der Großen Rezession 2008 und der darauf folgenden Ankunft zahlreicher Migrant*innen aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika in nördlicher gelegene und konfliktfreie Länder aufgekommen war. Dabei bleibt jedoch die Tatsache ausgespart, dass Antisemitismus als spezifische Form rassistischer Gewalt Teil einer breiteren globalen Bewegung ist, die ethnischen Nationalismus, Islamophobie, Rassismus gegen Schwarze und weiße Suprematie mit einschließt, auch wenn diese Ideologien nicht deckungsgleich sind und oftmals in der Moderne miteinander im Konflikt standen. Damit wird die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Herausforderung an Kosmopolitismus verfehlt, die im Kampf gegen Rassismus in seinen vielen unterschiedlichen Gestalten und Ausformungen besteht.

Dieses Versäumnis zeigte sich einmal mehr, als der Bundestag am 15. Mai 2019 eine Resolution verabschiedete, die bestimmte, jede Form des Antisemitismus müsse von Deutschland verurteilt werden. Diese Resolution wurde von einer breiten Mehrheit aus CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen gemeinsam eingebracht - mit anderen Worten ohne AfD und Linke. In ihr wird bekräftigt, dass jeglicher Aufruf zum Boykott israelischer Staatsbürger*innen, Unternehmen oder Institutionen die "NS-Parole 'Kauft nicht bei den Juden!'" aufnehme und dass BDS weder Räumlichkeiten noch finanzielle Unterstützung aus deutschen Steuergeldern erhalten solle. Die Bundesregierung werde auch alle Gemeinden, Städte und Länder auffordern, sich von der Bewegung zu distanzieren. Schließlich wurde in der Resolution erklärt, die Solidarität mit Jüd*innen und mit Israel sei integraler Bestandteil "der deutschen Staatsräson" (Deutscher Bundestag 2020). Tatsächlich war diese Resolution nach Sprache und Inhalt nahezu identisch mit jener, die der nordrhein-westfälische Landtag am 11. September 2018 - also ein paar Wochen nach der Ruhrtriennale - verabschiedet hatte (Landtag Nordrhein-Westfalen 2018).

Als Mbembe Carps Einladung annahm, war er aller Wahrscheinlichkeit mit diesen einschneidenden Veränderungen in der deutschen politischen Kultur nicht vertraut. Jedenfalls hatte die Ruhrtriennale die Aufmerksamkeit der regierungsamtlichen Aufpasser*innen schon vorher auf sich gezogen, und sobald sie Bericht über Mbembes Israel-Kritik erhielten, setzte sich die neu geschaffene institutionelle Infrastruktur so in Bewegung, wie das beabsichtigt war. Sie markierte Mbembe als Antisemiten. Auch wenn das Feld der postkolonialen Studien seit Langem Kritik an Menschenrechtsverletzungen im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts geübt hatte, wurde Mbembe der erste ausländische Wissenschaftler, der unter der Entschlossenheit der deutschen Regierung zu leiden hatte, jegliche "Israel-Kritik" als Ausweis von Antisemitismus zu verurteilen.

Doch mit ihrer Einladung für Mbembe auf die Ruhrtriennale hatte Carp eine richtige Entscheidung getroffen. Natürlich hatte sie kein Interesse, eine weitere Kontroverse über BDS auszulösen. Ihre Vorstellung als Direktorin für das diesjährige Festival bestand in einer Meditation über "Zwischenzeit". Dieser Begriff "sollte eine Pause imaginieren, ein Innehalten im Bereich der Kunst, um Neues zu denken, es vorstellbar zu machen, die Grundlagen unserer Lebensweise anders zu justieren und auf Veränderung neugierig zu sein" (Carp 2020a). Entsprechend diesem übergreifenden Thema sollte Mbembe untersuchen, warum wir als menschliche Wesen auf der ganzen Welt uns beim "Reparieren und Teilen unseres Planeten" engagieren müssen (ebd.).

In der Tat hat sich Mbembes wissenschaftliche Arbeit der Erforschung der Gründe gewidmet, aus denen die gegenwärtigen räuberischen Infrastrukturen und Institutionen sich nicht in nationale Kategorien einteilen lassen. Er hat deutlich gemacht, dass wirtschaftliche Ausbeutung, plutokratische Korruption und ökologische Verwüstung über internationale Grenzen hinweg Hand in Hand funktionieren. Gemeinsam hätten sie eine "Kraft der Trennung" geschaffen, wobei der Abstand zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen exponentiell angewachsen sei (Mbembe 2019: 1). Damit seien kleine Eliten-Klassen auf der ganzen Welt reicher geworden, während die Bevölkerung im Globalen Norden und im Globalen Süden auf den Status verzichtbarer Körper reduziert worden und verarmt sei. Mbembe hob auch hervor, dass ungeachtet der technologischen Fortschritte bei Finanzkapitalismus, industrieller Automatisierung und militärischer Kriegführung diese Formen des Raubes durchaus historische Vorgänger hätten. Koloniale Eroberungen, die Ausbreitung des Imperialismus und rassistische Ideologien hätten sie über Jahrhunderte hinweg vorgeformt, während derer individuelle Freibeuter*innen, politische Herrscher*innen und nationale Regierungen die Ressourcen der Erde und menschliche Arbeitskraft neu verteilten - nicht als gemeinsamen globalen Reichtum, der gerecht geteilt werden müsste, sondern zur eigenen, ausschließlichen Bereicherung. Mbembe zeigte, wie einige identische Vorgehensweisen über den Zeitverlauf hinweg genutzt wurden, um die Mobilität rassistisch markierter Anderer zu kontrollieren und vorgeblich gefährliche, ungewollte und überflüssige Menschen auszuschließen.[9]

Am Beginn der globalen Pandemie verwies Carp auf eine "makabre und beängstigende" Situation, auf eine internationale "Krise", die "unsere Lebensweise" erzeugt habe (Carp 2020a). Mbembes Vortrag "Reflections on Planetary Living" hätte diese Zusammenhänge und Spaltungen erläutert und es damit Individuen und Kollektiven ermöglicht, ihr kompliziert aufeinander bezogenes Schicksal besser zu verstehen. Carp ging es auch um den Schmerz der vom Schicksal wenig Begünstigten "in sehr anderen Umständen" (ebd.). Da der öffentliche Diskurs ihrem Leiden selten Aufmerksamkeit schenke, wollte sie mithilfe von Mbembes Überlegungen zusammen mit künstlerischen Darbietungen das Leid unzähliger Menschen ins Licht rücken, "die in Flüchtlingslagern, Townships, Favelas und in anderen Absperrungen leben", der Enteigneten, "von den Wohlhabenden Ausgegrenzten und Eingesperrten" (ebd.). Es sei nun die Zeit, dass die Weltgemeinschaft als "solidarischere Gesellschaften" zusammenkomme, anstatt zuzulassen, dass "wirtschaftliche und politische Akteur*innen die Krise benutzen, um Geld und Macht noch enger zu verbinden und demokratische Institutionen auszuhebeln" (ebd.).

Die Erwartung, Mbembe werde eine solch entschiedene Kritik an Regierungen und Unternehmen in der Ära von COVID-19 vorbringen, erwies sich als berechtigt. Am 4. August 2020 druckte die Süddeutsche Zeitung eine deutsche Übersetzung des Vortrags, den er nach eigener Aussage auf der Ruhrtriennale gehalten hätte. Er trug den Titel "Was wirklich zählt" und stellte dar, wie die Pandemie "das Chaos, die Gewalt und die Ungerechtigkeit" enthüllt habe, mit denen die Mächtigen und Reichen weltweit in jedem Land herrschten. Er legte auseinander, warum "die Technologie, die Medien und das Finanzwesen" ein Netzwerk voneinander abhängiger Knotenpunkte geschaffen hätten. Hier könne kein menschliches Wesen isoliert von anderen Menschen oder sonstigen Wesen auf der Erde leben. Vielmehr würden auf eine Art und Weise, wie dies Carl Schmitt, Karl Polanyi und Giorgio Agamben formuliert haben, brutal ökonomistische, spekulative Entscheidungen darüber gefällt, welche Leben es nicht wert sind, gerettet zu werden: die der Armen, der People of Color und von Minderheiten. Mbembe reagierte auf Carps Forderung nach höherer Einfühlsamkeit für die verletzbarsten Menschen auf der ganzen Welt, indem er skizzierte, wie die Pandemie in dieser schnell wachsenden Weltbevölkerung einen täglichen Überlebenskampf ausmache, die gefangen sei zwischen Lockdown, Hunger und Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und Mobilität, Gefährdung durch das Virus und möglichem Tod auf der anderen. Er schloss damit zu unterstreichen, wie das Leben selbst "unkalkulierbar" sei und warum die Gesellschaft nicht-quantifizierbare, ethische Entscheidungen treffen müsse, anstatt sich vorrangig an Codes und Zahlen zu orientieren (Mbembe 2020c).

Jenseits von Farbenblindheit

Keine dieser Beschuldigungen, Verteidigungsargumenten, Resolutionen und verpassten Chancen wird verständlich, wenn wir nicht kritisch über die sich ausweitende Bandbreite von Asymmetrien in der kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Landschaft Deutschlands nachdenken. Seit 1990 war das Gedenken an den Holocaust zentrales Moment der "Staatsräson", auf deren Grundlage das zuvor geteilte Land sich stolz zum "Erinnerungsweltmeister" ausrief, d.h. als "globales Modell - von Südafrika bis Japan - für Fragen, die mit Strafverfahren, Reparationen, Wiedergutmachung, Entschuldigung und Gedenken zu tun haben" (Bach 2019: 58). Im letzten Jahrzehnt ist es aber klar geworden, dass dieses Rahmenwerk nicht mehr in der Lage ist, geschickt mit anderen Forderungen umzugehen, die innerhalb wie außerhalb des Landes nach postkolonialer Gerechtigkeit und gleichen staatsbürgerlichen Rechten erhoben werden. Forderungen nach vollständiger Abrechnung mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit einschließlich des Völkermordes an Herero und Nama (1904-1908) und der Repatriierung ethnologischer Gegenstände oder menschlicher Überreste verbinden sich mit der schwierigen Lage von Geflüchteten, Asylsuchenden und Einwanderer*innen aus dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika sowie Asien.[10] In der heutigen transnationalen Konstellation von Geschichten, Erinnerungen, Identitäten und Gemeinschaften trägt ein undifferenzierter Versuch, regierungsamtlich festzulegen, unter welchen Aspekten die Shoah nicht mit kolonialer Unterdrückung und postkolonialer Gewalt verglichen werden darf, zum Zusammenstoß der Kulturen bei und schadet einer kosmopolitischen Solidarität.[11] Ein solcher Versuch steht einer ehrlichen Auseinandersetzung mit historischem Trauma und mit dessen, die heutige Welt prägendem Stempel im Wege.

Die Art von Druck und Kontrolle, wie sie Klein und Deutsch ausüben, passt nicht zu dem Bild eines friedlichen, stabilen und zu Selbstkritik bereiten Deutschland, das einen erfolgreichen Weg gefunden hätte, um mit dem gegenwärtigen politischen Patt zwischen rechtem Extremismus und demokratischer Integration umzugehen. Die staatliche Identität, die sich aus dem Angriff auf Mbembe ergibt, beruht auf einer politischen Erzählung, die bestimmte politische Zugehörigkeiten, moralische Dilemmata und ethische Festlegungen begünstigt. Sie baut auf einer strikt kontrollierten politischen Erzählung auf, die alternative Formen der Staatsbürger*innenschaft, Gemeinschaft und Verantwortlichkeit delegitimiert. Sie schließt die Gültigkeit von Argumenten aus, die sich weigern, Verlust und Opfer in der gegenwärtigen, auf Sicherheit basierenden Ordnungspolitik zu akzeptieren, in deren Mittelpunkt ausschließlich das Gedenken an den Holocaust steht. Daraus erklärt sich, dass die konzertierten Forderungen nach postkolonialer Wiedergutmachung und Gerechtigkeit in der deutschen politischen Kultur, aber auch in Belgien, Frankreich oder Großbritannien nur begrenzten Erfolg gehabt haben.

Diese beunruhigende Lage der Dinge ist aus transatlantischer Perspektive deutlich sichtbar. In der Ära von #BlackLivesMatter ringen die US-Amerikaner*innen mit ihrer eigenen Ursünde in der Form von Raub, Genozid, Sklaverei und routinemäßigen Morden an Afro-Amerikaner*innen durch Polizei und weiße Suprematist*innen. Zugleich kämpfen sie mit der normalisierten Diskriminierung und Ausbeutung von Hispanics, Native Americans und Asian Americans. Die Massenproteste auf den Straßen großer Städte in den USA haben Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, weil sich gezeigt hat, dass Freiheit und Gleichheit als normative Ideale und Gegenstand westlicher politischer und philosophischer Debatte nicht hinreichend sind für ihre Sicherheit und erst recht nicht für ihr Wohlbefinden. #BlackLivesMatter ist teilweise von der Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre inspiriert, wenn Freiheit genau aus dem Grund als "Praxis" verstanden wird, weil es einen radikalen Eingriff in die staatliche, liberaldemokratische Regierungsroutine braucht, um offen zu legen, dass Konformismus, Höflichkeit, Stillschweigen und Opferbereitschaft in ungleicher Weise zu allererst Bürger*innen of Color aufgebürdet werden (Bogues 2012: 30).

Deutschland hat mit derartiger Farbenblindheit seine eigenen Probleme. Mbembes Kritik an Sklaverei und gegen Schwarze gerichtetem Rassismus trägt viel dazu bei, begreiflich zu machen, wie europäische Gesellschaften kulturell, wirtschaftlich und politisch von imperialen Projekten der Vergangenheit weiter profitieren, und warum deutsche Staatsbürger*innen eine kollektive Verantwortung nicht allein für den Holocaust tragen, sondern auch für koloniale Unterdrückung. Sie zeigt auch auf, was erforderlich ist, damit Regierungen gegenseitig die Einhaltung internationaler Rechtsgrundsätze durchsetzen, die ihrerseits in aus Siedlerkolonien entstandenen Staaten eine Schlagseite gegen indigene nicht-staatliche Akteur*innen aufweisen. Wenn sich der deutsche Staat verpflichtet fühlt, die machtvolle Parole des "Nie wieder!" weltweit einzulösen, dann muss er andere Wege finden, der gesamten Verantwortung gerecht zu werden, als das Gedenken an den Holocaust gegen eine postkoloniale Gerechtigkeit zu positionieren.

Die Forderung, Mbembes Eröffnungsrede abzusagen, reihte sich schließlich ein in eine größere Welle von Absagen wegen der globalen Pandemie. Aber der Wirbelsturm, den Deutschs offener Brief auslöste, sollte nicht als Ausnahme abgetan werden. Früher oder später wird jede Institution, die Mbembe wieder nach Deutschland einladen möchte, sich erneut dieser ernsten Schwierigkeit gegenübersehen. Das gleiche Problem haben Scharen anderer Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektueller - ob sie nun deutsche Staatsbürger*innen sind oder nicht -, die den Holocaust mit einem anderen historischen Trauma nicht gleichsetzen, aber sorgfältig bedachte Vergleiche zwischen unterschiedlichen rassistischen Gräueln in der modernen Welt vortragen. Es ist schwer vorstellbar, dass Michael Krüger oder J.M. Coetzee, um nur zwei Namen zu nennen, plötzlich retrospektiv als Antisemiten verunglimpft würden, aber wenn wir sie genauso behandeln wollten, wie Deutsch und Klein Mbembe charakterisiert haben, so wäre dies das notwendige Ergebnis - in der Tat eine zerstörerische und spaltende Konsequenz. Micha Brumlik (2020) hat nicht Unrecht, wenn er diese Situation als "eine neue Form des McCarthyismus" bezeichnet, soweit dieser transatlantische Vergleich zu einer differenzierten Erkundung des Machtungleichgewichts nicht allein zwischen Israelis und Palästinenser*innen führt, sondern auch zwischen den vielen Stimmen, die sich zu dieser komplexen und unerfreulichen Frage zu Wort gemeldet haben (ebd.). Für die Zukunft hoffe ich, dass das Feld der postkolonialen Studien auch weiter wichtige Stimmen hervorbringen wird, die Deutschlands Farbenblindheit herausfordern anstatt zum Kollateralschaden eines staatlich gelenkten Kampfes gegen den Antisemitismus der extremen Rechten zu werden. Es ist Zeit, dass wir unsere politische Phantasie durch Dialog erweitern, wie auch immer die Anforderungen sein mögen, und nicht durch Boykott, Absagen, Verleumdung oder Sanktionen ihren Abbruch bewirken.

Autorisierte Übersetzung aus dem US-amerikanischen Englisch: Reinhart Kößler

Literatur

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Anschrift des Autors:
David D. Kim
[email protected]

https://www.budrich-journals.de/index.php/peripherie/article/view/36623

 

[1]       Algazi u.a. 2020; Eckert 2020; Rothberg 2020; Welty 2020.

[2]       Zu der bitteren Reaktion von Stefanie Carp, der Direktorin der Ruhr-Triennale, auf die plötzliche Absage des Festivals s. Carp 2020b.

[3]       Es ginge über den Rahmen dieses Beitrags hinaus, auf die koloniale Konstruktion der Souveränität als Staatsdoktrin im internationalen Recht gegenüber dem Anschein nach weniger zivilisierten Völkern einzugehen; s. zu diesem Aspekt der Rechtsgeschichte Anghie 2004.

[4]       Eine eingehende Untersuchung, wie der koloniale Ursprung des "palästinensisch-israelischen Konflikts" von Anfang an - also seit Erscheinen von Edward Saids Orientalism (1979a) und The Question of Palestine (1979b) - sicher im wissenschaftlichen Bereich eingeschlossen blieb, bietet Ann Laura Stoler (2016: 37f). Sie legt einen kritischen Blick auf die Gründe, aus denen postkoloniale Gelehrte darauf verzichtet haben, diese Frage in irgendeiner konsistenten oder aufeinander bezogenen Weise zu analysieren und gewisse Blindstellen unseres Verständnisses der Welt in der Gegenwart aufzudecken. Der Hauptgrund hat damit zu tun, dass Kolonialismus strikt der Vergangenheit zugewiesen wird, so dass die palästinensisch-israelischen Beziehungen keine unangenehmen Fragen über Siedlerkolonialismus, ethnischen Nationalismus, Islamophobie, die Nahost-Politik unter Führung der USA und Großbritanniens aufwerfen. All diese Themen sind durch frühere koloniale Ideologien und Praktiken belastet. Es ist ein weiteres Zeichen für diese selektive postkoloniale Sensibilität, dass die Arbeiten von Said nur begrenzt auf Deutsch verfügbar sind. Orientalism erschien auf Deutsch zwar nach zwei Jahren (1981a) und Culture and Imperialism (1993a) noch im Erscheinungsjahr (1993b), aber weder The Question of Palestine (1979b) noch Covering Islam (1981b) ist für deutsche Leser*innen verfügbar.

[5]       Diese Position widerspricht ihrerseits den Forderungen vieler Palästinenser*innen und Israelis. Palästinenser*innen in den besetzten Gebieten "fordern nicht Gleichheit innerhalb der bestehenden politischen Einheit, sondern vielmehr die Schaffung einer eigenen Einheit für sich selbst" (Zreik & Dakwar 2020: 669). Diese Forderung nach "territorialer Trennung" entspricht Vorstellungen israelischer Politiker*innen und Bürger*innen im linken Spektrum, die an der "Phantasie der Zwei-Staaten-Lösung (d.h. territoriale Trennung und demographische Segregation) festhalten, während die auf der Rechten Phantasien über Bevölkerungstransfer bzw. ethnische Säuberung oder segregierter Bantustans unterhalten" (ebd.). Die letzte Wortmeldung hierzu aus jüdisch-US-amerikanischer Perspektive ist Peter Beinart (2020).

[6]       [Zit. nach dem Text der deutschen Buchausgabe, Deutsch zitierte die englische Fassung des Artikels, Mbembe 2016a; d. Ü.]. Es handelt sich um eine englische Übersetzung von Kapitel 2 von Mbembe 2016b. Eine etwas elegantere englische Übersetzung bietet Mbembe 2019.

[7]       Deutsch führt diesen Vorwurf in seinem persönlichen Blog weiter aus, s. Deutsch 2020b.

[8]       Die Unterzeichner*innen haben sich zu diesem Punkt nicht weiter geäußert, und es ginge auch hier über den Rahmen dieses Beitrags hinaus, dies meinerseits zu tun. Immerhin haben seit dem Oslo-Abkommen 1993 die israelischen Siedlungen weiter zugenommen, und damit wurde die Kluft zwischen Israelis und Palästinenser*innen in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht noch breiter. Auch historische Vergleiche zwischen Israel/Palästina, dem Nordirland-Konflikt und dem Krieg in Bosnien-Herzegowina enthalten wichtige Ansätze für die aktuelle Forschung zu Versöhnung und Machtübertragung.

[9]       Es würde über den Rahmen dieses Beitrags hinausgehen, hier die wichtigeren Veröffentlichungen Mbembes zu resümieren. Einen breiten Überblick geben Bangstad & Nilsen (Mbembe 2020b).

[10]      Zu den jüngsten Analysen dieser dekolonialen und postkolonialen Bewegungen in Deutschland s. Kößler 2020 und Sieg 2020.

[11]      Assmann & Conrad 2010; Kroh 2008; Levy & Sznaider 2006; Rothberg 2009.

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