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Die Massenvertreibung der Rohingya aus Myanmar

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Die Massenvertreibung der Rohingya aus Myanmar
Ein Gespräch mit Daniel Korth, der als Friedensfachkraft vier Jahre in dem südostasiatischen Land gearbeitet hat
Bernd Drücke 2 November, 2018 - 14:21

Daniel Korth (*1969) lebt in einem selbstverwalteten Wohnprojekt. In der Bürgerfunksendung Radio Graswurzelrevolution (1) interviewte ihn GWR-Redakteur Bernd Drücke zu seiner Geschichte als Totaler Kriegsdienstverweigerer, Kabarettist und Bewegungsaktivist. Im zweiten Teil der hier für die GWR transkribierten Sendung spricht der Philosoph Korth über seinen fast vierjährigen Aufenthalt in Myanmar. In diesem südostasiatischen Land hat er für die „KURVE Wustrow – Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion e.V.“ (2) und die lokale Nichtregierungsorganisation Mote Oo Education als Friedensfachkraft gearbeitet, ein Lehrbuch über Konflikttransformation und Frieden (3) verfasst und auf der Grundlage dieses Materials Trainings durchgeführt. Während der Sendung kam es zu einem Disput darüber wie die Rolle der Politikerin Aung San Suu Kyi im Zusammenhang mit der Vertreibung von einer Millionen Rohingya durch das Militär Myanmars seit 2017 zu bewerten ist. (GWR-Red.)

 

Bernd Drücke: Daniel, Du bist seit vielen Jahren auch Mitherausgeber der Graswurzelrevolution, der seit 1972 erscheinenden „Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft“. Wie kamst Du zum gewaltfreien Anarchismus?

 

Daniel Korth: Ich würde mich heute vor allen Dingen als Pazifist bezeichnen, gar nicht so sehr als Anarchist. Wenn ich ein Wort heraus suchen müsste, dann würde ich mich unter Pazifismus subsumieren. Das spielt aber keine so große Rolle.

Eigentlich ging das schon los mit meiner Totalen Kriegsdienstverweigerung (TKDV). Als wir noch die „Wehrpflicht“ hatten, haben so Leute wie ich auch den Zivildienst verweigert, weil sie ihn als Fortführung des Kriegsdienstes angesehen haben. Da wird man ganz schnell politisiert, es kommt zum Gerichtsprozess, und man muss seine Überzeugung vertreten. Da hat sich heraus gestellt, dass diese Überzeugung bei mir gewaltfrei-anarchistisch war. Ich glaube nicht, dass man mit Waffengewalt Probleme im konstruktiven Sinn lösen kann.

 

Bernd Drücke: Wann hast Du den Kriegsdienst total verweigert?

 

Daniel Korth: Das war 1990. Es zog sich dann hin, weil die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen.

 

Bernd Drücke: Wie bist Du dazu gekommen, diesen radikalen Schritt zu gehen? Eine Totale Kriegsdienstverweigerung war ja oft auch mit Repression verbunden, das heißt, dass schon eine Menge Courage dazu gehörte das durchzuziehen. Das war keine „normale Kriegsdienstverweigerung“. TKDV ist eine radikale Form von Verweigerung, die auch den sogenannten Ersatzdienst ablehnt.

 

Daniel Korth: Das war noch die Zeit des Kalten Krieges und der nuklearen „Abschreckung“. Meine Überzeugung ist, dass es absoluter Wahnsinn ist, diese Auseinandersetzungen und Konflikte mit Macht und Gewalt weiter zu treiben, wenn man zwei hochgerüstete Blöcke hat, die sich gegenseitig vernichten können. Diese Logik, dass sich eine Seite in solchen Konflikten durchsetzen und Gewinner werden könnte, ist wirklich ins Absurde getrieben worden. Das war für mich klar, dass ich dabei nicht mitmachen werde, dass ich dagegen etwas tun will. Meine persönliche Antwort war zuerst die Kriegsdienstverweigerung und dann, im nächsten Schritt, ganz konsequent die Totale Kriegsdienstverweigerung, weil der Zivildienst letztendlich auch in dieses zivil-militärische „Verteidigungs“-System eingebunden war.

 

Bernd Drücke: Du lebst in einem alternativen Wohnprojekt, in der Grafschaft 31, das erste Mietshäuser Syndikats-Projekt in Münster. Wie habt Ihr das auf die Beine gestellt?

 

Daniel Korth: Wir haben schon lange mit einer Gruppe von Leuten Gebäude in Münster gesucht, wo wir gemeinsam wohnen könnten. Schließlich haben wir 2014 die Grafschaft 31 gefunden. Da waren wir zwölf Leute. Wir haben uns entschlossen, das zusammen mit dem Mietshäuser Syndikat in Freiburg zu organisieren. Das bedeutet vor allem, dass uns dieses Haus nicht gehört, sondern wir sind da Mieter/innen. Es gehört letztlich niemandem; niemand kann das Haus verkaufen, niemand kann die Miete erhöhen, niemand kann mit dem Grund und Boden spekulieren.

Auch wenn wir da ausziehen, ist es rechtlich so geregelt, dass es keinen Eigentümer gibt, der das alles machen könnte, um damit Profit zu erwirtschaften.

 

Bernd Drücke: Wie viele Leute seid Ihr im Wohnprojekt?

 

Daniel Korth: Wenn alles fertig ist, werden wir ungefähr 18 Erwachsene plus zwei Kinder sein.

 

Bernd Drücke: Ihr habt gerade einen Neubau fertig gestellt?

 

Daniel Korth: Genau. Wir haben die Scheune ausgebaut und so weiteren Wohnraum geschaffen. Jetzt sind wir mit dem größten Teil der Arbeiten durch. Es kommen noch Aufgaben dazu, aber der große Teil ist geschafft.

 

Bernd Drücke: Ein anderer wichtiger Aspekt Deiner Biographie ist die Geschichte des Blarzen Schwocks (4), der 1997 gegründeten anarchistischen Kabarettgruppe aus Münster.

 

Daniel Korth: (lacht) Ja. Das ist natürlich jetzt die Frage, ob die überhaupt noch jemand kennt. Aber zu unserer Zeit waren die in bestimmten Kreisen sehr berühmt, um nicht zu sagen: berüchtigt. Wir sind häufig z.B. in der ehemals besetzten Frauenstraße 24 aufgetreten.

Wir haben früher im Infoladen Bankrott eine Veranstaltungsreihe organisiert, damals noch in der Baracke, dem Libertären Zentrum in der Uni, das heißt, in jeder Woche im Semester eine Veranstaltung. Wir haben politische Filme gezeigt, Leute eingeladen, und so etwas in der Art. Irgendwann sind wir auf die Idee gekommen, dass wir zum Abschluss etwas Besonderes machen wollten. Da haben wir gedacht, dass wir mal versuchen, Kabarett zu machen. Wir waren vier Leute und haben dafür ein kleines Kabarettprogramm auf die Beine gestellt. Das hat dann uns und den Zuhörenden so gut gefallen, dass wir das dann weiter geführt haben. Der Name war nicht besonders originell: Der Blarze Schwock, also eine Umstellung des Schwarzen Blocks. Zu der Zeit wurde der Schwarze Block in Ahaus als höchstgefährlich dargestellt. Das war auch eine Nummer, die wir aufgegriffen haben. So kam der Name zustande. Man nannte uns auch die Punkband im Kabarett. Wir haben immer ein bisschen lange gebraucht, um ein neues Programm zu schreiben. Der Blarze Schwock ist dann sanft entschlafen, als wir das Studium hinter uns hatten. Dann kam für einige die Doktorarbeit, Arbeit, Kinder, … Es war zeitlich nicht mehr zu schaffen.

 

Bernd Drücke: Jetzt kommen wir zu einem ernsten Thema. Du warst von Januar 2014 bis Dezember 2017 als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes in Myanmar tätig, für die Kurve Wustrow, ein gewaltfreies Projekt aus dem Wendland. Kannst Du etwas zu Myanmar erzählen? Wie bist Du dazu gekommen, dort zu leben und zu arbeiten?

 

Daniel Korth: Myanmar hieß früher Burma bzw. Birma, liegt in Südostasien. Myanmar grenzt im Süd-Osten an Thailand, Kambodscha und Laos, im Nord-Osten an die Volksrepublik China und im Nord-Westen an Indien und Bangladesh. Es ist ein Vielvölkerstaat mit über 54 Millionen Einwohner*innen. Es gibt nach offiziellen Zählungen 134 verschiedene ethnische Gruppen.

Über die Zahl kann man diskutieren. Sie haben auch viele eigene Sprachen. Die Mehrheitsethnie sind die Bamar, die auch die Regierung stellen. Praktisch seit der Unabhängigkeit kämpfen unterschiedliche bewaffnete Gruppen gegen die Zentralregierung um Unabhängigkeit oder Autonomie. Seit 1962 war Myanmar eine Militärdiktatur, wobei das Militär von den Bamar dominiert wird. Die Militärs haben 2010 mit den Parlamentswahlen einen Reformprozess angefangen. Im November 2015 gab es freie Wahlen, und da ist die NLD (National League for Democracy, Nationale Liga für Demokratie) an die Macht gekommen. Das Land war bis 2010 vom Westen aus gesehen komplett isoliert. Es gab Sanktionen, man konnte fast gar nicht hinein. Mit den Reformen hat sich das Land geöffnet. Der Grund war auch, dass sie Kapital vom Westen haben wollten, damit sie nicht nur von China abhängig sind. Seitdem setzte ein kleiner „Gold Rush“ ein: Die Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) und Unternehmen strömten jetzt in das neue Gebiet. Tourismus gab es nicht so viel. Und natürlich auch Entwicklungshilfe. In Deutschland gibt es das Programm Ziviler Friedensdienst, das ursprünglich von Teilen der Friedensbewegung in der Bundesrepublik lanciert wurde. Die Idee war, dass man als Alternative zum Militär einen Dienst schafft, eigentlich eine „Friedensarmee“, damit die Politiker*innen eine andere Möglichkeit als Militäreinsätze haben, auf Krisen zu reagieren.

Was dabei herausgekommen ist, ist eine Erweiterung des Entwicklungsdienstes, eben der Zivile Friedensdienst, mit dem einzelne Leute – in Myanmar waren das über die Kurve Wustrow letztendlich vier oder fünf Personen – in andere Länder geschickt werden können, um da Friedensarbeit zu machen. In meinem Fall war das Bildungsarbeit. Dazu habe ich ein Lehrbuch über Frieden und Konflikt geschrieben und Trainings in gewaltfreier Aktion und Kommunikation gegeben.

 

Bernd Drücke: Myanmar ist immer noch im Grunde genommen eine Militärdiktatur; das Land hat sich ein bisschen geöffnet. Und Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin von 1991, die jahrelang unter Hausarrest stand, ist faktisch Regierungschefin geworden. Aber die Regierung ist immer noch unter der Kontrolle des Militärs.

 

Daniel Korth: Es ist wichtig zu sehen, dass bei den Wahlen von 2015 die Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) unter Aung San Suu Kyi zwar einen Erdrutschsieg gehabt hat, dass das aber nicht heißt, dass damit die Demokratisierung abgeschlossen wird. Es ist bestenfalls der Beginn. Das Militär ist ein Staat im Staate und niemandem rechenschaftspflichtig. Die können machen, was sie wollen. Die haben sich extrem gut abgesichert. Zum Beispiel stellen sie drei bis vier Ministerien, diese Minister werden nicht von der Regierung benannt, sondern vom Militär.

25 Prozent der Abgeordneten im Parlament werden auch vom Militär benannt, sie werden nicht demokratisch gewählt. Sie haben eine Sperrminorität, so dass die Verfassung nicht geändert werden kann, in der diese dominante Rolle des Militärs festgeschrieben ist.

 

Bernd Drücke: Das Militär hat im August 2017 in Myanmar eine Massenvertreibung von über einer Million Angehörigen der muslimischen Minderheit der Rohingya nach Bangladesh ausgelöst, ganz bewusst, begleitet von Massenvergewaltigungen und Massenmorden. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sowie die UNHCR stufen das als Genozid ein. Wo siehst Du die Ursachen? Ist es ein von Buddhist*innen betriebener Völkermord an einer muslimischen Minderheit? Was hast Du da für Erfahrungen gesammelt?

 

Daniel Korth: Ich muss das erst einmal einschränken. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass jemand, der ein Land bereist und dort ein paar Jahre lebt, für dieses Land quasi Experte wäre. Obwohl ich vier Jahre in dem Land gelebt habe, und zwar in der Sechs-Millionen-Metropole Yangon (Rangon, bis 2005 Hauptstadt, seitdem Naypyidaw), habe ich von dem, was vor allem in dem Bundesstaat Rakhaing passiert ist, das meiste über englisch- oder deutschsprachige Medien im Internet mitgekriegt. Burmesisch ist für uns eine sehr schwierige Sprache, und ich bin im Lernen nicht so fortgeschritten, dass ich mich wirklich darin unterhalten konnte. Das schränkt ein. Ich konnte die hiesigen Zeitungen oder Facebook-Seiten auf Burmesisch nicht lesen. Es gibt viele Gebiete, in denen noch gekämpft wird, in denen Bürgerkrieg herrscht, das ist nicht nur Rakhaing, wo die Rohingya betroffen sind, sondern zum Beispiel auch in Kachin State, da kämpft eine Guerillaorganisation gegen das Militär, und da wurden 90.000 Menschen zu Binnenflüchtlingen. Diese Regionen sind für Ausländer*innen gesperrt. Im Rest des Landes kann man sich simpel und sicher bewegen. Da stehen nicht überall Soldaten und Panzer herum.

Solange man nicht in die entsprechenden Gegenden geht, wo man auch nicht hin kann, merkt man davon nichts.

 

Bernd Drücke: Der Hass auf die muslimische Minderheit in Myanmar wurde auch massiv über Facebook und andere Soziale Netzwerke geschürt. Das war ein planmäßiger Massenmord des Militärs in Myanmar. Die Terrorisierung der muslimischen Bevölkerung war geplant, ihre Massenvertreibung war von oben befohlen, befürwortet und angeheizt auch von den buddhistischen Mönchen, die hierzulande meist als friedfertig betrachtet werden. Wie hat sich die Propaganda auch im Alltag widergespiegelt? Du hast ja mit Buddhist*innen gesprochen, Du hast in Reiseberichten skizziert, was Du da erlebt und gesehen hast.

 

Daniel Korth: Zunächst einmal will ich sagen: Keine Religion ist per se friedlich oder aggressiv. Es sind immer die Menschen, die sich etwas aus der Religion zusammen suchen, mit dem sie ihr Verhalten begründen.

So ist das auch in Myanmar mit den Buddhist*innen. Ich habe in Münster neben Philosophie und Soziologie auch Indologie studiert, Schwerpunkt Buddhismus. Und man findet in den Lehrtexten oder Reden Buddhas vieles über Rechtes Handeln, dass man niemanden töten soll, Rechtes Reden, also keine Verleumdungen, keine Lügen, nichts stehlen, also einen hohen ethischen Standard, der sich da durchzieht. Auf der anderen Seite gibt es besonders bei den buddhistischen Mönchen radikal-nationalistische Kräfte, die irgendwo in den tausenden von Seiten buddhistischer Literatur etwas finden, dass sie als Aufruf ihre Religion zu verteidigen auslegen, und dann sagen sie eben, dass diese Religion dadurch bedroht wird, dass die Muslime da sind. Und dann predigen sie dagegen. Das zeigt sich nicht nur in Myanmar, sondern auch in Sri Lanka, da spielt der buddhistische Klerus eine ähnliche Rolle gegenüber den Hindus, den Tamilen. Wie das genau zustande kommt, begreife ich nicht. Ich kann nur sagen, dass es eine ziemlich weit verbreitete Islamfeindlichkeit in Myanmar gibt, die von bestimmten Gruppen von Mönchen forciert wird. Meistens holen sich diese ihr Material aus dem Westen, aus den USA, wo dann steht, dass Muslime per se Terroristen seien oder dass sie die Weltherrschaft durch hohe Population anstrebten. Solche Ideen kommen dann wieder. In Myanmar hat das viel damit zu tun, dass das Bildungsniveau sehr gering ist. Die Leute lernen nicht, zu diskutieren, zu hinterfragen, ihre eigene Meinung zu sagen. Das ist in über 50 Jahren Militärherrschaft verschüttgegangen. Das muss erst wieder langsam gelernt werden. Dazu kommen eine sehr hohe Gläubigkeit und ein Respekt vor Mönchen. Wenn ein Mönch sagt, dass es so sei, dass die Muslime in Myanmar, es gibt nur 3 Prozent, das ganze Land übernehmen wollten, dann glauben das die Menschen. Dementsprechend heißt ein Großteil der Bevölkerung auch das Handeln des Militärs gut. Es ist schlimm zu sagen, aber es ist so. Wir haben in unserem Lehrbuch dieses Thema ausgespart. Denn es war irgendwie klar, dass, wenn wir auf diesen extrem wichtigen Konflikt eingehen, wäre die Gefahr gewesen, dieses Buch nicht angenommen worden wäre. Wir haben auch sehr wenig über Religion, über Islam da hinein geschrieben.

 

Bernd Drücke: Du hast vor drei Jahren mit einem Kollegen aus Myanmar mehrere Veranstaltungen in Deutschland gemacht und darüber berichtet, dass Aung Sann Suu Kyi auch eine Hoffnungsträgerin für gewaltfreie Bewegungen, für gewaltfreie Veränderungen in der Gesellschaft Myanmars gewesen sei, die extrem durch diktatorische Strukturen geprägt ist. Presse- und Meinungsfreiheit gibt es in einer Diktatur nicht. Was da jetzt passiert, stößt auch auf wenig Widerstand der normalen Bevölkerung. Hast Du Proteste gegen den Genozid gegen die Rohingya erlebt?

 

Daniel Korth: Soweit ich weiß, haben da keine Proteste stattgefunden. Es gab zum Beispiel Proteste gegen den Bürgerkrieg im Kachin State. Die waren erst kürzlich. Da kenne ich einige Leute, die dort festgenommen wurden. Da laufen noch einige Prozesse. Das Thema Rohingya ist aber so heikel. In Myanmar ist die Wahrnehmung ganz anders als im Westen. In Myanmar ist die Mehrheit davon überzeugt, dass die Rohingya „illegale Einwanderer“ aus Bangladesh seien. Das ist die Ansicht der Mehrheit in Myanmar. Und dass die Rohingya wieder verschwinden sollten. Das geht weit in die Sphären der Menschenrechtsarbeit hinein. Zum Beispiel vertrat auch der Übersetzer unseres Buchs über Konfliktlösungen und Friedensarbeit eine ähnliche Meinung über Rohingya. Ich habe nicht selbst mit ihm diesbezüglich gesprochen, ich habe es nur über Facebook gehört.

 

Bernd Drücke: Du warst in Myanmar als gewaltfreier Aktivist, Autor und Friedensarbeiter tätig. Du hast dort Aktionsgruppen ausgebildet. Die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi hat sich hinter das massenhaft mordende Militär gestellt. Wie erklärst Du Dir das, dass sie, die früher mit gewaltfreien Mitteln agiert hat, als sie in der Opposition gewesen ist, nun praktisch in der Regierung diese Politik des Genozids unterstützt?

 

Daniel Korth: In Myanmar gibt es drei große Konflikte. Der erste große Konflikt ist der um Demokratisierung, also um den Übergang von der Militärdiktatur zur Demokratie. Der geschieht hauptsächlich auch innerhalb der größten ethnischen Gruppe der Bamar, der auch Aung San Suu Kyi und die Militärs angehören. In diesem Konflikt hat Aung Sann Suu Kyi eine besondere Rolle gespielt. Sie ist die Tochter des Generals Aung San, das war eigentlich 1946 der Staatsgründer. Daher kommt ihr großes Prestige, sie ist in ihre Rolle hinein geschlüpft. Der zweite größere Konflikt bildet sich um die verschiedenen ethnischen Gruppen. Ich habe vorhin ja schon gesagt, dass es da sehr viele gibt, die auch von der Mehrheit der Bamar unterdrückt werden. Von diesen vielen ethnischen Gruppen hat eigentlich fast jede eine bewaffnete Gruppe hervor gebracht. Und seit der Staatsgründung gibt es in Myanmar Bürgerkriege zwischen dem Militär Tatmadaw und unterschiedlichen Gruppen. Das läuft im Prinzip immer so ab: Es wird mit der einen Gruppe gekämpft, mit anderen Gruppen werden Waffenstillstände beschlossen. Das ändert sich dann wieder. So geht es immer weiter. Das ist also das größte Problem von Myanmar, dass sie da zuerst Frieden schaffen wollen, zumindest gilt das für Aung Sann Suu Kyi.

Den dritten Konflikt muss man davon noch trennen, das ist der mit den Rohingya. Der sollte separat betrachtet werden, weil er in Myanmar auch anders gesehen wird. Eigentlich hat das Militär in Myanmar einen sehr schlechten Ruf. Man sagt immer, dass der Friedensprozess voran gehen soll. Aber ich würde mal darauf tippen, dass viele Leute eben nicht, wenn sie vom Friedensprozess sprechen, die Rohingya damit einbeziehen. Zur Rolle von Aung San Suu Kyi: Ich denke, dass ihre Rolle aus dem ersten Konflikt entspringt, der Demokratisierung. 1988 gab es einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Sie war zu der Zeit im Land. Sie hat einen britischen Ehemann gehabt, hätte also durchaus in England bleiben können, ohne weitere Probleme. Aber sie hat gesagt: Nein, ich will mein Land unterstützen. Und dann ist sie zur Oppositionsführerin geworden und stand fast ohne Unterbrechungen 15 Jahre lang unter Hausarrest bis zum 13. November 2010. Sie durfte in dieser Zeit ihren Mann und ihre beiden Söhne nicht mehr sehen. Sie hat ihren Idealen viel geopfert. Sie hat mit ihrer Strategie, diesen Kampf mit gewaltfreien Mitteln zu führen, auch dazu beigetragen, dass dieser Übergang relativ ohne gewaltsame Auseinandersetzungen stattgefunden hat. Das muss man auch sehen.

Wenn man jetzt zum Beispiel nach Syrien oder in die arabischen Staaten guckt, wo man anfangs, während des „Arabischen Frühlings“ ab Dezember 2010, große Hoffnungen hatte, aber das ist alles den Bach runtergegangen, in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen dem jeweiligen Staat und den jeweiligen Aufständischen. Das ist in Myanmar nicht passiert. Dafür haben die Militärs noch extreme Machtpositionen inne. Das ist ein komplexes Thema, deswegen hole ich da ein bisschen weiter aus. Und ich denke, dass für Aung San Suu Kyi im Vordergrund steht, diesen Friedensprozess voran zu bringen, also die Waffenstillstände zwischen dem Militär und den verschiedenen ethnischen, bewaffneten Gruppen, wozu aus burmesischer Sicht nicht die Rohingya gehören. So ist sie schließlich auf den Goodwill des Militärs angewiesen. Wenn sie es sich mit denen verscherzt, ist ihre Rolle vorbei. Und dafür opfert sie die Rohingya.

 

Bernd Drücke: Ich weiß nicht, ob man es noch als Friedensprozess bezeichnen kann, wenn über eine Million Menschen vertrieben werden, wenn Journalisten, die darüber berichten, zum Beispiel von der Nachrichtenagentur Reuters, zu sieben Jahren Haft verurteilt werden, und wenn Aung San Suu Kyi das alles gutheißt und rechtfertigt. Das hat mit Friedensprozess nichts mehr zu tun. Sie dient den Militärs als Feigenblatt und ist mitverantwortlich für die Kriegsverbrechen, die da stattfinden.

Ich finde, dass man nicht mehr sagen kann, dass sie ein wirkliches Interesse an einem Friedensprozess hätte. Sie hat Interesse am Machtprozess, dass sie die Macht, die sie teilweise als De-facto-Regierungschefin erhalten hat, weiter ausbauen kann. Das sehe ich auch aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht, dass ihre jetzige Position mit der, die sie früher als Oppositionelle hatte, in keiner Weise mehr etwas zu tun hat. Sie ist jetzt Teil des Machtapparates, sie ist Teil des verbrecherischen Regimes, was dort Menschen massenhaft vertrieben, vergewaltigt, gefoltert und ermordet hat. Das ist die Politik des Genozids. In so einem Land kann es keinen Friedensprozess geben, wenn die Massenmörder ihre Macht behalten.

 

Daniel Korth: Naja. Du hast nach ihrer Motivation gefragt, und ich habe versucht, ihre Motive zu erklären. Wie man das bewerten will, das überlasse ich den Leserinnen und Lesern oder Dir.

 

Bernd Drücke: Aber wie bewertest Du das? Sie war ja auch für Dich eine Hoffnungsträgerin. Wie schätzt Du das ein, dass jemand eine solche Politik mitträgt, der vorher für eine gewaltfreie Veränderung der Gesellschaft eingetreten ist?

 

Daniel Korth: Man ist an Enttäuschungen gewöhnt, würde ich sagen. Ich würde mich nicht so sehr auf Aung San Suu Kyi fixieren.

Das ist auch ein bisschen dieses Spiel: Erst wurde sie hochgeschrieben als die Ikone des gewaltfreien Widerstandes. Aber dieses Bild war wahrscheinlich auch schon nicht korrekt. Letztendlich hilft uns die Fixierung auf ihre Person wenig. Man muss nämlich überlegen, was man überhaupt machen kann, um da etwas zu verändern, etwas zu verbessern.

 

Bernd Drücke: Und welche Perspektiven siehst Du da? Wie können wir Einfluss nehmen auf soziale Bewegungen in Myanmar? Wie kann man diesem Massenmord etwas entgegen setzen, von unten, als Teil einer internationalen, sozialen Bewegung?

 

Daniel Korth: Kann man nicht. Ich glaube nicht, dass wir da irgendwelche Machtmittel haben. Was man tun kann, ist, dass man die Flüchtlingshilfe in Bangladesh unterstützen kann. Die Leute leben da in Camps, das muss man sich mal vorstellen, zum Beispiel in Bazaar sind es 800.000 Menschen. Das sind absolut unerträgliche Bedingungen. Das ist in vielen Camps so. Da kann man helfen. (5) Aber politisch Druck ausüben?

 

Bernd Drücke: Es gibt die Forderung, dass Aung San Suu Kyi der Friedensnobelpreis aberkannt werden soll.

 

Daniel Korth: Dann kann man sich auf die Schultern klopfen und sagen, dass man moralisch richtig gehandelt hätte. Aber das würde ja nichts ändern, nichts stoppen. Das würde nicht heißen, dass das Militär sagt: Oh, Aung San Suu Kyi hat keinen Friedensnobelpreis mehr, wir hören ganz schnell auf mit dem, was wir machen.

Man muss auch deutlich sehen: Sie hat nicht die Macht. Es ist das Militär, was die Macht hat und was sich nicht darum kümmert, wie das internationale Ansehen der De-facto-Präsidentin ist. Man kann sie natürlich dafür kritisieren, dass sie nicht aufsteht und sagt: Ich verurteile den Genozid, ich stelle mich auf die Seite der Rohingya. Nur, das Ergebnis wäre dann: Moralisch wäre es sicherlich richtig, aber politisch wäre sie dann weg vom Fenster. Sie könnte nicht mehr mit dem Militär verhandeln, und sie würde für die Bevölkerung, die eine ganz andere Sicht hat als wir in Westeuropa, auch nicht mehr die Funktion ausüben, die sie jetzt ausübt.

 

Bernd Drücke: Das wäre ja vielleicht nicht so schlimm. Ich denke, dass wir von hier aus auch Druck ausüben sollten, damit Menschenrechte akzeptiert werden, damit die inhaftierten Journalisten freigelassen werden.

 

Daniel Korth: Ja, das hört sich so toll an: Wir müssen Druck ausüben. Aber wie sollen wir beide hier Druck ausüben?

 

Bernd Drücke: Zum Beispiel durch Information. Wir informieren darüber.

 

Daniel Korth: Ich finde, dass man sich damit abfinden muss, dass wir in vielen Dingen doch recht ohnmächtig sind. Was wir mitkriegen, ist ja nicht nur da. Wir hören von vielen Dingen, die schlecht laufen. Aber unsere Macht, irgend-etwas zu ändern, zu verbessern bei solchen Katastrophen, die ist wirklich absolut minimal.

 

Bernd Drücke: Das kann sein. Aber wenn man so argumentiert, klingt das für mich fatalistisch, dann verändert man nichts. Das Apartheidregime in Südafrika saß auch viele Jahre fest im Sattel. Aber die weltweite Anti-Apartheidbewegung und die jahrelangen Boykottkampagnen gegen das rassistische Regime haben schließlich eine Wende eingeleitet. Also, das zeigt, dass es geht, durch internationalen Druck von unten.

Als Graswurzelrevolution versuchen wir auch durch Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung eine Gegenöffentlichkeit und Druck von unten herzustellen.

 

Anmerkungen:

1) Die im Studio des Medienforums Münster von Bernd Drücke produzierte 55minütige Radio Graswurzelrevolution-Sendung mit Studiogast Daniel Korth wurde am 11. Oktober 2018 im Bürgerfunk auf Antenne Münster ausgestrahlt. Sie kann, inklusive Musik und Blarzer-Schwock-Kabarettshowmitschnitt, in der Mediathek gehört werden: https://www.nrwision.de/mediathek/radio-graswurzelrevolution-daniel-korth-wohnprojekt-grafschaft-31-in-muenster-181011/ Weitere Radio-Graswurzelrevolution-Sendungen finden sich auf www.freie-radios.net und hier: https://www.nrwision.de/mediathek/sendungen/radio-graswurzelrevolution/

2) https://www.kurvewustrow.org/

3) Das Buch kann von www.moteoo.org/curriculum/downloads/ heruntergeladen werden.

4) Siehe: „Wir sind gar nicht anarchistisch!“ Ein Interview von Bernd Drücke mit Katrin Huxel, Daniel Korth, Martin Baxmeyer und Torsten Bewernitz von der Kabarettgruppe Der Blarze Schwock, in: GWR 303, November 2003, https://www.graswurzel.net/gwr/2005/11/wir-sind-gar-nicht-anarchistisch/ Blarzer-Schwock-Livemitschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=rSDMiypAO6I und https://www.youtube.com/watch?v=tu8b7iSik2o

5) Humanitäre Hilfe leisten z.B. das Rote Kreuz: www.drk.de/hilfe-weltweit und UNICEF: www.unicef.de/

 

Veranstaltungshinweis:

Myanmar – Von der Diktatur zur Demokratie?“ Referent: Daniel Korth, 16.11.2018, 16 bis 19 Uhr in der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Am Kronberger Hof 6, 55116 Mainz. Veranstalter: Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main. Infos: www.dfg-vk-hessen.de/bildungswerk/myanmar/

Interview aus: Graswurzelrevolution Nr. 433, November 2018, www.graswurzel.net

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