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Subjektivität im Zeitalter der digitalen Maschinerie

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Subjektivität im Zeitalter der digitalen Maschinerie
Marx revisited
Nicoletta Rapetti 14 Dezember, 2018 - 23:53

Prolog I – ‚im Schoß der alten Gesellschaft‘

 

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. (…) Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind (...) und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an ihre Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind“ (Marx 1859: 8f.).

 

Wie Marx in Vorwort ‚Zur Kritik der Politischen Ökonomie‘ formuliert, ist die subjektive Involviertheit der Menschheit nicht vom objektiven Wandel der Epochen zu trennen.

Die sich etablierende globale Fabrik, befeuert von der janusköpfigen Produktivität der digitalen „Maschinerie“, fordert mithin die Subjektivität heraus und konfrontiert die Weltbilder mit neuen sozialen Anforderungen. Die Konstitution von Subjektivität ist mithin eine objektive Voraussetzung für die Herstellung ‚materieller Produktivkräfte‘. Die in Hegelscher Tradition fortgeführte und im Wertgesetz eingelagerte Subjekt-Objekt-Dialektik, diskutiert die „Widersprüche des materiellen Lebens“ (ebd.: 9) im Kontext von Kapital und Arbeit. Hoffnung und Utopie, Ausweglosigkeit und Spontanität sind historisch, politisch wie analytisch, dieser Dialektik ausgeliefert. Die Ausblendung des „dialektischen Immanenzzusammenhangs“ von materiellem Leben und „indifferenter Subjektivität“ (Adorno 1982: 145, 144) mündet in Absentismus, Messianismus, nacktem Individualismus und, ausgestattet mit Macht, in Terror.[1]

Die interkontinentale Herstellung einer digitalen Maschinerie stellt einerseits die Form der (Güter-)Produktion auf eine bislang technologisch unbekannte Basis, andererseits die Bildung von Subjektivität in Frage. Die Produktion von und die Verfügung über Subjektivität zählen noch immer zur zentralen Ressource gesellschaftlicher Dynamik – in den Ländern des Nordens gleichwie des Südens. Das von Marx in den Grundrissen postulierte Diktum des Zusammenhang gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion ist nicht nur eine erkenntnistheoretische Umdeutung Hegelscher Philosophie, sondern der zentrale Baustein Marxscher Gesellschaftstheorie. Gesellschaftliche Umwälzungen in kleinen und großen Formaten sind nur dialektisch und jenseits eines vordergründigen Objektivismus zu deuten.

 

„Die Produktion produziert nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand“ (Grundrisse [GR]: 594).

Diese theoretisch-methodischen Einlassungen zielen folglich nicht nur auf die objektive Welt der Lohnarbeit, m.a.W. auf die globale Güterproduktion allein, sondern auch auf „den Zusammenhang der Nationalökonomie mit Staat, Recht, Moral, bürgerlichem Leben.“ (Marx 1844: 467).

 

Kulturelle Identitäten prägen folglich die kollektiv-nationale Subjektivität eines Gemeinwesens, verleihen jeder Epoche ein historisch-kulturelles Gesicht. Die Sphäre der Reproduktion, einschließlich ihrer Institutionen (Familie, Schule, Verein usf.), bedingt mithin jene der Produktion – und zwar spezifisch in einer historischen Epoche, einem Erdteil, einer Region.

In der Epoche der Digitalisierung der Welt, des Zusammenspiels von Informationstechnologie und Datenökonomie ist der Hinweis auf die der Menschheit eigentümlich Naturdialektik in Erinnerung zu rufen, in der Absicht, die Bildung ‚der Welt‘ als menschliches Resultat von Generationen zu betrachten. „Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft“ (GR: 594).

Auf diesem Hintergrund dient im Folgenden das von Marx hinterlassene, in einem methodischen „Leitfaden“ skizzierte Forschungsprogramm zur Entzauberung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Folie, sowohl die ‚digitale Maschinerie‘ als auch die ‚lebendige Arbeit‘ – m.a.W. die Konstitution von Subjektivität – zu thematisieren.

Unvermeidlich ist deshalb mit dem begonnenen Prolog (I) fortzufahren und Rekurs zu nehmen auf die Marx-Philologie, um die Rezeptionsgeschichte des Marxismus zwischen 1918 und 1934 einzuholen (Prolog II).[2] Die Instrumentalisierung der Marxschen Theorie steht im Vordergrund. In den Blick geraten Lesarten des Bolschewismus, Faschismus und die Deformation der Marx‘ Dialektik. Ferner sind aktuelle Marx-Rezeptionen zu prüfen, die sich der Frage stellen: Wie konstituieren sich Arbeitsvermögen im Zeitalter der globalen Fabrik unter den Bedingungen ‚immaterieller‘ Güterproduktion (Negt 1996; Gorz 2005; Hardt/Negri 2003, 2018; Pfeifer 2010)?

Die Rezeptionsgeschichte nimmt Einlassungen von Rosa Luxemburg (1871–1919), Georg Lukács (1885–1971), Antonio Gramsci (1891–1937), Karl Korsch (1886–1976) und Max Horkheimer (1895–1973) zum Anlass, die Instrumentalisierung des Marx’schen Denkens einzuholen. Eine einseitige Rezeption und theoretische Leerstelle soll besichtigt werden. Die Vernachlässigung der subjektiven Seite und die theoretische Relevanz der Kategorie ‚Klassenbewusstsein‘ rückt somit ins Zentrum.

Dem Prolog (I u. II) folgt der Erste Akt. Er konzentriert sich auf das Marx‘sche Maschinen-Manuskript des ersten Kapitalbandes und diverse Einlassungen aus den Grundrissen. Der Zweite Akt thematisiert die digitale ‚Maschinerie‘ – die objektive Seite der globalen Fabrik. Der Dritte Akt zielt auf den Arbeitsgegenstand immaterieller Arbeit und die ‚Schranke‘ der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Im Epilog wird nach der immanenten Rationalität von Kapital und Arbeit einerseits, nach Alternativen i.S. eines ‚Diskurses der Wünsche‘ (Niko Diemer) andererseits gefragt.

 

Prolog II – den ganzen Marx lesen

 

Luxemburgs politisches Statement an die Adresse der Bolschewiki vom Sommer 1918, Demokratie und Spontanität Raum zu geben, blieb bekanntlich ungehört. „Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen“ (Luxemburg 1922: 116). Und, die Frage der Diktatur des Proletariats beantwortend, fügt sie hinzu: „Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlossenen Eingriffen in die wohlerworbenen Rechte und wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich die sozialistische Umwälzung nicht verwirklichen lässt“ (ebd.: 116f.).

Luxemburgs Forderung, der „lebendigen Bewegung der Masse“ (ebd.: 103) eine zentrale Bedeutung beizumessen, neben den objektiven revolutionären Gegebenheiten die Erwartungen und Wünsche der Subjekte anzuerkennen, gründet auf der Erkenntnis, dass im ‚Schoß der alten Gesellschaft‘ nicht nur die materiellen Bedingungen für die Etablierung der Rätedemokratie gegeben sein müssen, sondern auch die subjektiven Voraussetzungen zu den wesentlichen Tatsachen zählen. Deshalb seien demokratische Verfahren und Institutionen unabdingbar. Deren Beseitigung versiegele vielmehr „den lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert werden können“ (ebd.: 103). Die sich im ‚materiellen Leben‘ der Subjekte spiegelnden Widersprüche und Weltbilder fixiert Luxemburg als politische Ressource für eine sich entfaltende sozialistische Politik. Die Perspektive auf die Subjekte der Russischen Revolution war damit gewahrt, aber auch die Anschlussfähigkeit an Marx‘sches Denken unter Beweis gestellt.

Lukács‘ (1981) Kritik an Luxemburgs Thesen liefert vordergründig eine Verteidigung bolschewistischer Politik. Sachzwanglogik und Objektivismus prägen die subtile Antikritik. Lukács relativiert das „Problem von Freiheit und Demokratie“ mit Verweis auf die globale Bedeutung der Russischen Revolution. Die politische Pointe, die Luxemburg mit der „Verteidigung der Freiheitsrechte“ hervorhebt, wird von Lukács banalisiert, subjekttheoretisch relativiert. Erst 1967 wird er selbstkritisch einräumen, „die Beziehungen der Theorie zur Praxis, des Subjekts zum Objekt“ völlig vernachlässigt zu haben (ebd.: 20). Ganz offensichtlich verkennt Lukács mit seinem „Messianismus“ die Bedeutung demokratischer Öffentlichkeit und die soziale Dynamik von Klassen.

Ganz anders verläuft die Marx-Rezeption von Gramsci. Als Mitglied des Exekutivkommités der Komintern und Verfechter einer breiten Bündnispolitik unter Einbeziehung aller sozialen Schichten Italiens, insbesondere der Kleinbauern des Südens, konzentriert sich Gramscis Marx-Engels-Rezeption – u.a. in Abgrenzung zur Politik der Bolschewiki[3] – auf die subjektiven Aspekte der Klassenfrage. Gramsci war nicht nur von einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit überzeugt, sondern vor allem an der Eroberung des Staates durch eine flexible Bündnispolitik interessiert. ‚In keinem [europäischen, F.S.] Land ist das Proletariat in der Lage, allein die Macht zu erobern und aus eigener Kraft zu behaupten. Es muß sich also Verbündete schaffen‘ (Gramsci 1967: 29ff.). Vor allem Gramscis Theorie des Stellungs- und Bewegungskrieges, die die Frage der Hegemonie ins politische Zentrum rückt, offenbart seine Lesart der Subjekt-Objekt-Dialektik „Es ist absurd zu behaupten, daß es keinen Unterschied zwischen einer demokratischen und einer reaktionären Situation gäbe, ja daß es in einer demokratischen Situation schwieriger sei, die Massen zu gewinnen“ (ebd.: 44).

Mit diesem Statement geht Gramsci einerseits auf Distanz zur Strategie der Bolschewiki und deren Kaderpolitik, andererseits fokussiert er die politische Kunst, Hegemonie auf Dauer zu stellen. In den Blick gerät die Analyse politischer Hegemonie, in dessen Zentrum erkenntnis-theoretisch die Subjekt-Objekt-Dialektik, praktisch das Studium des spannungsreichen Verhältnisses von ‚Basis und  Überbau‘ steht.Basis und Überbau bilden einen ‚historischen Block‘, d.h. das komplexe, widersprüchliche und ungleiche Ganze der Überbauten ist der Reflex der gesamten gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse“ (Gramsci 1967: 163). Diese Marx-Rezeption führt nicht nur indirekt Luxemburgs Gedanken weiter, sie leitet zunächst eine Abkehr vom ökonomischen Determinismus der Zweiten Internationale ein und öffnet die Tür für eine Renaissance der Marx-Rezeption. Den ‚historischen Block‘ historisch deuten und untersuchen, „als das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die wirklichen Menschen sich bewegen und wirken, als Ensemble objektiver Bedingungen“, so lautete Gramscis Credo mit der kulturtheoretischen Analyse des ‚Alltagsverstandes‘ im Zentrum (Gramsci 1994: 1241, 1415).

Die von Korsch (1886–1976) unmittelbar nach dem russischen Bürgerkrieg formulierte Frage, warum die soziale Revolution[4] ins Stocken gerät und der „Mißbrauch des Marxismus als ideologische Verschleierung“ die Tagespolitik und die Parteiarbeit sowohl der Komintern als auch der angegliederten Parteien beherrscht, steht in einer Linie mit der Marx-Rezeption von Luxemburg und Gramsci (Korsch 1974: 253). Sein Beitrag zur Geschichte der marxistischen Ideologie in Russland rechnet nicht nur scharf mit dem ‚Aufbau des Sozialismus in einem Lande‘ ab, sondern wendet sich vielmehr dem „merkwürdige(n) Schauspiel“ bzw. dem „Prozeß der ideologischen Entartung der marxistischen Theorie“ zu (ebd.: 254). Die „Entartung der ursprünglich revolutionären Theorie von Marx und Engels zu einer förmlichen Staatsreligion“ (ebd.: 256) im Osten, die Umwandlung einer „revolutionären Theorie und Praxis“ zu einer „bloße(n) Ideologie“ (ebd.: 256) im Westen, führt Korsch zu einem Marx-Rethinking (Korsch 1975). – Marx auf den Marxismus anwenden, so lautet Korsch‘ Credo.

Obschon Korsch die objektive Seite gesellschaftlicher Verhältnisse in den Mittelpunkt der Analyse stellt, zielt seine Kritik indirekt auch auf die Ausblendung der subjektiven Bedürfnisse der proletarischen Klasse. Gegen die Vereinfacher des Marx‘ Anspruchs argumentierend, hebt Korsch den Kern „materialistischer Dialektik“ hervor (ebd.: 171ff.): „Mit der Änderung dieser geschichtlichen Wirklichkeit und Praxis ändern sich auch die Denkbestimmungen und alle ihre Zusammenhänge“ (ebd.: 177). Korsch tritt damit sowohl der theoretischen Erstarrung als auch der Ideologisierung des Marxismus entgegen.

Für die Auseinandersetzung mit den Phänomen des ‚Überbaus‘ und der „Wiederherstellung“ des „dialektisch-materialistischen Prinzips“ lässt Korsch sich von der Frage nach dem „Verhältnis zwischen dem Bewußtsein und dem Gegenstand“ leiten (ebd.: 122). Die Antwort auf die „Verflachung des Marxismus“ (ebd.: 122) lautet: „Terminologisch ist vor allem festzustellen, daß es Marx und Engels nie eingefallen ist, das gesellschaftliche Bewußtsein, den geistigen Lebensprozeß, schlechthin als eine Ideologie zu bezeichnen“ (ebd.: 123). Theoretisch bewegt sich Korsch hiermit auf Augenhöhe mit Luxemburg und Gramsci.

In seiner Studie zur „Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse“ stellt Horkheimer am Vorabend des Nationalsozialismus die soziale Geschlossenheit des Proletariats in Frage (Horkheimer 1987: 373ff.). Die homogene Klassenlage, die seit der Russischen Revolution von allen sozialistischen Lagern theoretisch beschworen wird, zweifelt Horkheimer mit Hinweisen auf die soziale Dynamik der Weimarer Republik an. Er erkennt eine Spaltung der deutschen ‚Arbeiterklasse‘ aufgrund von Arbeitsteilung und Qualifikation. Mangelnde „Bildungsfähigkeit und Organisierbarkeit“ charakterisiere den Status quo sowie das „Klassenbewußtsein“ (ebd.: 375). Die „Masse ist schwankend“ und den Jugendlichen fehle „bei allem Glauben das Verständnis der Theorie“ (ebd.). Dieser ernüchternden Bilanz fügt Horkheimer den Hinweis an, dass der theoretische Absentismus einerseits „den Marxismus ärgerlich als überholten Irrtum abtut“, andererseits einen „geist- und inhaltslosen Buchstaben- und Personenkult“ pflegt (ebd.: 376, 378). Die Ohnmacht der Arbeiterklasse sei folgerichtig das Ergebnis. Der Ausverkauf marxistischer Kategorien, die „formalisiert und akademisch hergerichtet“ werden (ebd.: 377) auf der einen Seite, die Orientierung der Eliten an Tagespolitik auf der anderen, führt Horkheimer zur Analyse von Bewusstseinsformationen. Im Zentrum der Studie[5] steht ein doppelt konnotierter Ideologiebegriff, der zwischen einem lebensgeschichtlich bedingten Bewusstsein und wissenschaftlich angeleiteter Ideologiekritik differenziert (ebd.: 464). Sich des Basis-Überbau-Phänomens theoretisch zu stellen, es als „Differenz von Wahrheit und Schein“ resp. von „Wissenschaft und Ideologie“ zu studieren, grundiert das Interesse (ebd.).

Mit Gramsci verbindet Horkheimer, den „Lebensprozeß des gesellschaftlichen Körpers“, theoretisch zu fassen – die handelnden Subjekte zum Gegenstand von Gesellschaftstheorie zu erklären (Horkheimer 1987: 233). Verstanden als ‚interdisziplinärer Marxismus‘ wird die Subjekt-Objekt-Dialektik neu auf- und eine Erweiterung des Marxismus vorgelegt. Die historischen Aufgaben, so Horkheimer, werden von „handelnden Menschen“ formuliert, „eingespannt in geschichtliche Bildungen, die ihre eigene Dynamik haben“ (Horkheimer 1988: 54).

 

Erster Akt – Marx revisited

 

„Darwin hat das Interesse auf die Geschichte der natürlichen Technologie gelenkt, d.h. auf die Bildung der Pflanzen- und Tierorgane als Produktionsinstrumente für das Leben der Pflanzen und Tiere. Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschafts-menschen, der materiellen Basis jeder besonderen Gesellschaftsorganisation, nicht gleiche Aufmerksamkeit“ (MEW 23: 392)? Mit dieser Analogie adressiert Marx zum einen die Naturdialektik als ‚negative Ontologie‘ (Schmidt 1978: 74ff.), zum anderen die Konstitution der Menschheitsgeschichte.[6] Marx spricht in diesem Zusammenhang von „Technologie“ als einem zu rekonstruierenden Prozess der Naturaneignung. „Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seine gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen“ (MEW 23: 392; Hervorhg. F.S.). Der Stoffwechsel mit der Natur produziert sowohl Güter als auch individuelles Bewusstsein, Subjektivität. „Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert“ (Marx 1844: 511). Die Aneignung der äußeren Natur ist folglich ein doppelseitiger Bildungsprozess: Waren- und Bewusstseinsproduktion zugleich.

Durch die Verwissenschaftlichung des Arbeitsprozesses, „die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes“, endet der kapitalistische Akkumulationsprozess in einer „Vergesellschaftung der Arbeit“ (MEW 23: 790; Hervorhg. F.S.). –

Die Vereinnahmung der lebendigen Arbeit durch die ‚Maschinerie‘ ist sowohl Ausdruck von Kapitalakkumulation und Marktkonzentration als auch vergesellschafteter Arbeit. „Im Produktionsprozeß des Kapitals aufgenommen, durchläuft das Arbeitsmittel aber verschiedene Metamorphosen, deren letzte die Maschine ist oder vielmehr ein automatisches System der Maschinerie (…) in Bewegung gesetzt durch einen Automaten, bewegende Kraft, die sich selbst bewegt; dieser Automat bestehend aus zahlreichen mechanischen und intellektuellen Organen, so daß die Arbeiter selbst nur bewußte Glieder desselben bestimmt sind “ (GR: 584; Hervorhg F.S.). Mit der Subsumption des menschlichen Arbeitsvermögens unter das Kapital erscheint das angehäufte Wissen der Menschheit als Abstraktion. Das Wissen, unabhängig vom konkreten Inhalt, ist einerseits Voraussetzung für die Produktion, andererseits individuell beliebig und nur in seiner Konkretion von Interesse. „Das Wissen erscheint in der Maschinerie als Fremdes außer ihm; und die lebendige Arbeit subsumiert unter die selbständig wirkende vergegenständlichte [Arbeit, F.S.]. Der Arbeiter erscheint als überflüssig, soweit seine Aktion nicht bedingt ist durch das Bedürfnis [des Kapitals, F.S.]“ (GR: 586).

Der technologische Stand der Produktivkräfte prägt mithin die Form der Arbeit und das individuelle Arbeitsvermögen. „Die Akkumulation des Wissens und des Geschicks, der allgemeinen Produktivkräfte des gesellschaftlichen Hirns, ist so der Arbeit gegenüber absorbiert in dem Kapital und erscheint daher als Eigenschaft des Kapitals (...) soweit es als eigentliches Produktionsmittel in den Produktionsprozess eintritt. Die Maschinerie erscheint also als die adäquateste Form des capital fixe und das capital fixe, soweit das Kapital in seiner Beziehung auf sich selbst betrachtet wird, als die adäquateste Form des Kapitals überhaupt“ (GR: 586). – M.a.W.: Was vormals Subjekt des Arbeitsprozesses war, verwandelt sich, wird Objekt: „In der Maschinerie tritt die vergegenständlichte Arbeit der lebendigen Arbeit im Arbeitsprozeß selbst als die sie beherrschende Macht gegenüber, die das Kapital als Aneignung der lebendigen Arbeit seiner Form nach ist. Das Aufnehmen des Arbeitsprozesses als bloßes Moment des Verwertungsprozesses des Kapitals ist auch der stofflichen Seite nach gesetzt durch die Verwandlung des Arbeitsmittels in Maschinerie (Hervorhg. F.S.) und der lebendigen Arbeit in bloßes lebendiges Zubehör dieser Maschinerie; als Mittel ihrer Aktion“ (GR: 585). Individuelles Arbeitsvermögen ist demnach nicht nur substantieller Bestandteil der globalen ‚Fabrik‘, sondern hat tote Arbeit immer zur Voraussetzung. Die immaterielle Arbeit, die Gorz (2005) sowie  Hardt und Negri (2018: 172; 2003: 300ff.) als neue Stufe kapitalistischer Ökonomie exponieren, ist davon nicht ausgenommen.

 

Zweiter Akt – digitale Aufrüstung der Welt

 

Die digitale Vermessung der Welt nimmt Fahrt auf. An den Kontenpunkten der digitalen Ökonomie kann die zukünftige Welt bereits bestaunt werden. Roboter und die datenanalytisch agierenden Bots sind weltweit bereits Realität. „Who owns the robots rules the world”, formuliert der Harvard-Ökonom R. B. Freemann und spricht von einem neuen Feudalismus (https://wol.iza.org/search / 6.8.2015). Vergleichsweise neu an der Datenökonomie ist die stille Finanzierung des Projekts durch die Konsumenten. Die großen Player (Apple, Microsoft, Alphabet, Instagram, Amazon, Myspace, Facebook u.a.) nutzen die Informationssucht und die persönliche Daten-Generierung der User zur Implementierung einer Datentopographie im Privatbereich – und der Arbeitswelt bescheinigen die britischen Ökonomen Frey und Osborne (2013) einen massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen.[7] Durch die Etablierung der globalen Fabrik wird in den kommenden zwei Dekaden nicht nur die klassische (technische) Fach- und die (kaufmännische) Sacharbeit obsolet, sondern auch 50% der aktuellen Programmiertätigkeit (Schütte 2018). Bullshit-Jobs der vermeintlich kreativen ‚Fach- und Sacharbeiter‘ (Berater, Coaches, Lobbyisten, Unternehmensanwälte*innen) lassen das neue Gesicht der Arbeitswelt erkennen (Graeber 2018). Auf der anderen Seite hocken gestresste Funktionseliten (z.B. Systemadministratoren*innen usf.), Netz-Junkies und hochdekorierte Sicherheitsexperten*innen.

Dabei hat mit der Erfindung der Suchmaschine durch Larry Page und Sergey Brin eine rasante technische Ära begonnen, deren Ende vollkommen offen ist (Isaacson 2018: 521ff.). Das PageRanking der Erfinder ermöglicht eine Hierarchisierung der Daten bei der Suche nach Informationen mit der Konsequenz, dass das Suchergebnis mit der Bedeutung der gewählten Seiten korrespondiert und dessen Relevanz unter Ausblendung des inhaltlichen Kontextes festlegt. Datenanalytische Prognosetechnik führt zum Ergebnis. Die Herstellung von Wissen und die Verbreitung von Informationen erreichen ein gänzlich neues Niveau – unabhängig vom Ort. Die digitale Maschinerie kennt weder Grenzen, folglich auch keine Nationalstaaten, noch eine bürgerliche Privatsphäre (Boyd 2018; Zuboff 2018). Die Totalität der Technologie und der Schwarmgeist der User befeuern die Lebensart.

Die Info-Tec-Giganten erzielen nicht nur astronomische Gewinne, sie generieren weltweit auch neue Märkte. Google allein bspw. beantworte täglich rund 5,5 Mrd. Anfragen und erzielte 2017 über 12 Mrd. US-Dollar Gewinn mit der Muttergesellschaft Alphabet. Apple hat derzeit einen Börsenwert von einer Billionen US-Dollar erreicht. Bis 2025 soll das Big-Data-Volumen weltweit auf die unvorstellbare Zahl von rund 163 Zettabyte (1021)ansteigen. Auf Youtube werden derzeit pro Minute 400 Stunden Videomaterial hochgeladen. Shenzhen, im Süden Chinas, ist der Prototyp von Stadtentwicklung weltweit. Auf Basis von Big Data, KI und Start-up-Unternehmen werden neue Tec-Märkte erschlossen und Absolvent*innen von renommierten Universitäten aus China und den USA anlockt.[8]

Die Marktkonzentration geht einher mit einer gigantischen Datensammlung in den Händen weniger (Zuboff 2018, S.219ff.). Google, Amazon, Facebook u.a. herrschen über einen ‚Schatz‘, der ironischer Weise von den Nutzern rund um die Uhr in Ost und West, Süd und Nord aufgefüllt wird. Die Nutzer sind zwar Produzenten, jedoch nicht Eigner ihre individuellen Daten.

Ob Geldanlage via „Robo-Advisors“, die Fertigung von Autozubehörteilen, ob Parkplatzsuche oder das Ranking wissenschaftlicher Forschung – immer arbeiten Algorithmen an einer Lösung. Für jede technische Herausforderung (u.a. Applikationen) ist ein guter Algorithmus erforderlich. „Die Analytische Maschine hingegen ist nicht nur in der Lage, die Ergebnisse einer einzelnen speziellen [mathematischen, F.S.] Funktion zu errechnen, sondern vermag jede beliebige Funktion zu entwickeln und zu tabellieren“ (Isaacson 2018: 44). Was einst für die Nautik und für Webautomaten wichtig war, Rechenoperationen in beliebigen Umfang unabhängig vom Gegenstand durchzuführen, ist heute in Form von Computerprogrammen in alle gesellschaftlichen Sphären eingedrungen. Die objektive Welt belagert engmaschig die subjektive.

Risiken dieser ‚brave new world‘ und deren Auswirkungen auf Produktion, Konsumtion und Nähe-Beziehungen sind damit adressiert. Der Komplex Cambridge Analytica vom Frühjahr 2018, in dessen Zentrum umfangreiche Wahlmanipulationen in den USA standen, wirft grundsätzliche Fragen nach Sicherheit, Öffentlichkeit und Privatheit auf.[9] Handeln in Unsicherheit ist fraglos ein, wenn nicht das Signum der Zeit. Das Vertrauen erodiert – die Lage wird komplexer, unübersichtlicher. Unsicherheiten prägen in dem Maße den Alltag, wie Datenökonomie und Informationstechnologie das Leben determinieren und datenanalytische Prognosetechniken (Modelle) die Welt ‚interpretieren‘. Obwohl Sicherheitstechnik und die angewandte Kryptografie stetig neue Produkte auf den Markt bringen und neue Gewinnmargen mit den ‚Sicherheitslücken‘ generieren, werden die Kosten digitaler Sicherheit via Umlage finanziert. Die (All-)Macht der Algorithmen kennt weder Tabus noch juristische Grenzen bei der Produktion und Akkumulation von Daten. Durch digitale Manipulation via Ausspähung und Fehlmeldungen lassen sich Konkurrenten sowie private Haushalte systematisch in die Irre führen (Beck/Stützle 2018; Boyd 2018).

Die digitale Maschinerie produziert nicht nur Unsicherheit im öffentlichen Raum via Fake news und technologische Intransparenz, sie treibt die Entfremdung auf ein bislang nicht gekanntes menschliches Niveau. Was Marx ehedem der Lohnarbeit zugedacht, trifft heute die Sphäre der sozialen Reproduktion ebenfalls. Konsum wird zu einer Chimäre. Der beliebige Umgang mit Daten produziert einen Mythos, der zum einen die Macht der toten Arbeit über die lebendige demonstriert resp. verschleiert, zum anderen der Konstitution von Subjektivität neue Grenzen zieht. Die datenanalytische Egalisierung materieller und immaterieller Güter einerseits, die Totalität der digitalen Maschinerie andererseits, stellt die kapitalistische Produktionsweise epochal in Frage und führt die Subjektkonstitution in eine Sackgasse. Privatleben und Erwerbsarbeit werden technisch verbunden und instrumentalisiert. Das Zusammenspiel von Entfremdung und Entgrenzung befördert unmittelbar Unsicherheit, die an den tragenden Säulen der bürgerlichen Gesellschaft nagt (Böhle/Weihrich 2009; Baecker 2018). Die digitale Maschinerie verlässt mithin die ortsgebundene ‚Fabrik‘ und greift nach der Privatsphäre. Individualität wird somit zur neuen Produktivkraft, die weltweit als lebendiger Rohstoff mit unterschiedlichen Mitteln auf disparaten Wegen medial auf allen Kanälen mobil macht. Die Produktionsmittel der globalen Fabrik liefert die mathematisch aufgerüstete Informationstechnologie.

 

Dritter Akt – immaterielle Arbeit und die Schranke der Arbeitsteilung

 

Die digitale Maschinerie rückt die Kontinente ökonomisch aneinander, vermengt Kulturen, Lebensweisen und trainiert die Menschheit zur Leistungsbereitschaft und Konsumfreude. Die alte, westlich geprägte Welt verliert nicht nur ihr (uns) vertrautes, bürgerliches Gesicht, die herrschenden Produktivkräfte liefern gleichzeitig die materiellen und ideellen Bedingungen für eine humane Produktion und Konsumption weltweit. Die Ausdifferenzierung beruflicher Tätigkeiten und deren schrittweise Verlagerung in die Privatsphäre hat eine historische Hausse erreicht, die mit der Digitalisierung des Produktions- und Reproduktionssektors neue Formen der Integration von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ gebiert. Crowdsourcing, Co-Working,  Start-ups und das Einwerben von Risikokapital eröffnen den Blick auf eine neue ‚Lebenswelt‘, geprägt von wechselnden Tätigkeiten, Arbeitsorten, Unsicherheiten und beispielloser Entgrenzung des Verhältnisses von Privatheit und Öffentlichkeit (Hoffmann/Bogedan 2015). Die klassische Schranke der Arbeitsteilung wird hiermit einerseits aufgehoben, indem eine Entmischung der Sphären mit all ihren negativen Begleiterscheinungen erfolgt, andererseits erfahren die Formen der ‚grenzenlosen‘ Zusammenarbeit neue Freiheiten. Durch die Delegation manueller Tätigkeiten an Roboter erlangen ‚geistige‘ Tätigkeit, Kommunikation und Wissensakkumulation einen neuen, universellen Charakter. Individualität und geistige Flexibilität werden zur zentralen Ressource des Kapitals und anfällig für Manipulationen sowie Widerstand aller Art.

Obschon der „Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742) im „digitalen Kapitalismus“ (Gorz 2005: 85ff.) keineswegs aufgehoben ist, eröffnet die immaterielle Arbeit auf der Basis von Datenökonomie und Informationstechnologie neben einer formalen Höherqualifizierung eine qualitativ neue Stufe der Arbeitssouveränität. Sie hat u.a. die Einbeziehung menschlicher Einzigartigkeit zur Voraussetzung. Der aktuelle Diskurs um Kreativität – egal ob die menschliche Thema ist oder sie im Kontext von KI adressiert wird – lässt die Relevanz der Ressource Individualität im Verhältnis von Kapital und Arbeit erkennen. Die Produktion immaterieller Güter wie bspw. Algorithmen, bildgebende Verfahren, Börsenindexe, Shows usf. basiert nachgerade auf der Ausbeutung von Subjektivität (Hardt/Negri 2018: 172).

Jede Art immaterieller Arbeit ist rückgebunden an vorangegangene Arbeit, ist Resultat vormals herrschender gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Die Rücknahme der Arbeitsteilung ist insofern eine notwendige Bedingung für die Konstitution von Subjektivität auf neuer gesellschaftlicher Basis. Lebendige Arbeit setzt Gestaltungsfreiheit ebenso voraus wie soziale Orte der Erprobung. „Lebendiges Wissen ist vor allem eine praktische Fähigkeit, ein Können, das nicht zwangsläufig formalisierbare und systematisch erfassbare Kenntnisse beinhaltet“ (Gorz 2005: 41). Die Form der Arbeit, der Prozess an sich, ist wesentlich sowohl für die Eröffnung neuer Perspektiven als auch für neue Restriktionen. Die digitale Maschinerie fordert Individualität als Rohstoff und schafft hinter dem Rücken der Subjekte fraglos neue Abhängigkeiten. Die Möglichkeiten zur ‚Selbstproduktion‘, die qualitative Substanz des Arbeitsprozesses, d.h. die individuelle Verfügung über Zeit und Raum entscheidet zukünftig darüber, „daß Arbeit und wirkliches Leben identisch“ werden (Negt/Kluge 1981: 106). Lebendiges Wissen resp. ‚lebendige Arbeit‘, eingelagert im ‚Alltagsverstand‘ und verwaltet als kulturelles Erbe kann der digitalen Fabrik neue Seiten abgewinnen und neue hinzufügen (Gorz 2005: 79ff.; Hardt/Negri 2018: 172f.). Die individuelle Erfahrung weltweiter Produktion und Kooperation holt die verdrängte Naturdialektik ins Bewusstsein der Menschheit zurück und rückt das Ganze der Weltgemeinschaft in den Vordergrund. Produktion und Reproduktion bilden eine unhintergehbare Totalität.

„Die Produktion im Allgemeinen ist eine Abstraktion“ – sie hält den Gedanken fest, dass „das Subjekt, die Menschheit, und das Objekt, die Natur‘ dieselben“ sind, die historische Organi-sation der Gesellschaft hingegen „wesentliche Verschiedenheit“ aufweist (GR: 7). Marx folgert deshalb: „Die Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Art der Arbeit setzt eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von denen keine mehr die alles beherrschende ist“ (GR: 25; Hervorhg. F.S.). – Die digitale Maschinerie verpasst den ‚Berufen‘, Jobs etc., bezahlter und unbezahlter Arbeit, ein neues Gesicht. In der Egalität der ‚digitalen‘ Arbeit scheint nicht nur eine bizarre Gleichgültigkeit gegenüber der Warenproduktion durch, sondern auch die Option ganzheitlicher Kooperation. Die Produktion von Subjektivität lebt nachgerade von einer Überwindung der vielfältigen Formen der Arbeitsteilung und insofern der historischen Trennung von Arbeits- und Lebenswelt.

„Die Hauptproduktivkraft Wissen ist ein Produkt, das größtenteils aus einer kollektiven, unbezahlten Aktivität hervorgeht, nämlich der ‚Selbstproduktion‘ und ‚Produktion von Subjektivität‘. Es ist zu großen Teilen ‚allgemeine Intelligenz‘, Alltagskultur, lebendiges und gelebtes Wissen. Es hat keinen Tauschwert“ (Gorz 2005: 48). Die immaterielle Arbeit ist allerdings nur eine Variante, eine neue Form vorangegangener materieller Arbeit. Und insofern markiert der „kognitive Kapitalismus“ mit seinen neuen Produktionsmitteln nicht „die Krise“ des Kapitalismus (ebd.: 57), sondern nur eine weitere Episode im Verhältnis von Arbeit und Kapital. Nicht das (technologische) Wissen, m.a.W. tote Arbeit treibt die digitale Maschinerie an und etabliert die globale Fabrik, vielmehr ist es die lebendige Arbeitskraft die das Produktionsverhältnis prägt.

 

Epilog –  ‚Diskurs der Wünsche‘

 

Der ungeheure Überhang von Objektivität liefert einerseits dem Populismus in unterschiedlichen Varianten einen ideologischen Nährboden (s. Heft 147), andererseits – theoretisch – lenkt er den Blick auf die „immanente Rationalität“ der (Welt-)Gesellschaft, m.a.W. auf die „Irrationalität des Ganzen“ (Adorno 2011: 197ff.). Fällt die bürgerliche Gesellschaft hinter ihre eigene Rationalität zurück, dessen Zerfall und Erosion augenscheinlich ist, dann brechen nicht nur ganze ‚Kulturen‘ nebst ‚Nationen‘ und etablierte ‚Sozialstaaten‘ zusammen, sondern auch die Ideen von Hospitalität, Solidarität und Egalität verkommen zu einer instrumentellen Chimäre. Sie zielt auf merkantile Aufmerksamkeit, nicht auf formlose Anerkennung von Subjektivität. Die „Krise der Theoriebildung“ (ebd.: 200) – einschließlich der marxistischen – erweist sich als Spiegelbild eines blühenden Neoliberalismus, eines ‚kognitiven Kapitalismus‘ – der Wirkungsmacht der globalen Fabrik.

Die Erosion der europäischen Gesellschaft schleift nicht nur deren Institutionen und ideologischen Tempel, sie zeigt auch auf die kategoriale Schwäche des theoretischen Arsenals. Rationalität im Irrationalen aufspüren nötigt einen geistigen Kraftakt – erfordert kollektive Anstrengung und belastbare Interaktion resp. Kommunikationsverhältnisse. Der Gebrauchswert von Wissen (nicht Information!), nicht dessen Tauschwert ist zu prüfen, anzuwenden und zu kommunizieren. Der gängige Nominalismus resp. Positivismus, wie ihn derzeit bspw. die Wirtschaftswissenschaften und die Psychologie pflegen, verschattet die notwendige Begriffsarbeit und damit die Differenz von Begriff und Gegenstand. Nur diese Differenzierung erlaubt die in Begriffe eingewanderte Ideologie als historische, ideologische aufzudecken, m.a.W. die begriffliche Fassade zu hinterfragen und zum Kern des Phänomens vorzudringen. 

Das hat eine „gewisse Souveränität und Unabhängigkeit“ (ebd.: 213) im Denken zur Voraussetzung, impliziert Kooperation aber auch eine „Treue“ zu den Fakten und ein „Mißtrauen gegenüber dem abstrakten, den Dingen bloß vorgeordneten und fragwürdigen Begriff“ (ebd.: 213). Daraus folgt nachgerade, „sich eine gewisse Freiheit des Gedankens zu erhalten“ (ebd.: 216) und einen „Diskurs der Wünsche“ (Niko Diemer) in die globale Arena einzubringen. Verstanden als Prozess ist hier die Nutzung sowohl aller subjektiven Ressourcen als auch objektiv vorhandener Produktionsmittel – einschließlich digitaler Tools –Thema und nicht die „Unterwerfung unter vorgefertigte Normierungen“ (Diemer).

Utopisches Denken sowie das Formulieren von Alternativen stoßen naturgemäß auf Grenzen – verschieben diese aber auch zwangsläufig! Die subjektiven und objektiven Differenzen produktiver Arbeit gleich welcher Art sind offensichtlich, sie korrespondieren mit den eingesetzten Produktionsmitteln. Als „Wertquelle“ des Kapitals (MEW 23: 203) wird die konkrete Differenz der Tätigkeit unsichtbar, Arbeit vom Kapital angeeignet. Sie ist folglich „eins seiner Momente geworden, die nun als befruchtende Lebendigkeit auf seine nur daseiende und daher tote Gegenständlichkeit wirkt“ (GR: 205). Die ‚Lebendigkeit‘ produktiver Arbeit sowie die individuellen Arbeitsvermögen stellen mithin die materiellen Ressourcen sowohl für eine alternative Vergesellschaftung als auch für die Wiedergewinnung der Arbeit als „nicht-vergegenständlichte, also ungegenständliche, i.e. subjektive Existenz der Arbeit selbst“ (GR: 203). Das stellt die konstituierte Arbeitsteilung zwischen Kontinenten, Nationen sowie Geschlechtern bzw. die Vergesellschaftung von Arbeit radikal in Frage und die immanente Rationalität von Arbeitsvermögen ins Zentrum  der Theoriebildung.

 

Literatur

 

Adorno, Theodor W. 1982: Negative Dialektik. 3. Aufl. Frankfurt a.M.

Adorno, Theodor W. 2011: Philosophie und Soziologie. Nachgelassene Schriften Abt. IV, Vorlesungen, Bd. 6. Berlin

Aust, Matin 2017: Die russische Revolution. Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. München

Baecker, Dirk 2018: 4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig

BMAS 2015: Übertragung der Studie von Frey/Osborne auf Deutschland – Endbericht. Berlin

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Böhle, Fritz/Weihrich, Margit (Hrsg.) 2009: Handeln unter Unsicherheit. Wiesbaden

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Flechtheim, Ossip K. 1991: Vergangenheit im Zeugenstand der Zukunft 1937–1974. Berlin

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Geyer, Dietrich 1977: Die Russische Revolution. Göttingen

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Gramsci, Antonio 1994: Gefängnishefte Bd. 6. Hamburg

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1988: Geschichte und Psychologie. In: Ders. Gesammelte Schriften. Bd. 3. Frankfurt a.M., S. 48-69

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Lukács, Georg 1981: Kritische Bemerkungen über Rosa Luxemburgs ‚Kritik der russischen Revolution‘. In: Ders.: Geschichte und Klassenbewußtsein. 7. Aufl. Darmstadt/Neuwied S. 422-451

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1857/1958: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie – Rohentwurf. Berlin 1974

1859: Zur Kritik der Politischen Ökonomie – Vorwort. MEW Bd. 13. Berlin 1978, S. 7-11

1869: Das Kapital. Erster Band. MEW Bd. 23. Berlin 1977

1867: Instruktionen für die Delegierten des provisorischen Zentralrats. MEW Bd. 16. Berlin 1975, S. 190-199

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Moldaschl, Manfred/Stehr, Nico (Hrsg.) 2010: Wissensökonomie und Innovation. Beiträge zur Ökonomie der Wissensgesellschaft. Marburg

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Negt, Oskar 1996: Marx. München

Negt, Oskar/ Kluge, Alexander 1981: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt a.M.

Pfeifer, Sabine 2010: Wissen, Information und lebendige Arbeit in der Wissensökonomie. In: Moldaschl/Stehr, S. 614-642

Schmidt, Alfred (Hrsg.) 1970: Beiträge zur marxistischen Erkenntnistheorie. 2. Aufl. Frankfurt a.M.

1976: Rekurs auf Marx und Engels – Einheit und Differenz historischen Erkennens in Geschichtswissenschaft und politischer Ökonomie. In: Ders. Die Kritische Theorie als Geschichtsphilosophie. München, S. 62-65

1978: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx. 3. Aufl. Frankfurt a.M.

1978a: Geschichte und Struktur. Fragen einer marxistischen Historik. Frankfurt a.M./ Berlin

Schütte, Friedhelm 2018: „Digitale Fabrik“ – Konsequenzen für die Lehrkräftebildung. Vortrag, 14. Juni 2018 im Rahmen der Berliner GEW-Fachtagung „Digitalisierung – Arbeit 4.0“

Zuboff, Shoshana 2018: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt a.M.

 

 

[1] Die Frage der „Identität“ ist damit u.a. angesprochen. Erkenntnistheoretisch wird damit argumentiert, „daß Subjekt und Objekt, wie auch immer vermittelt, zusammenfallen“ (Adorno 1982: 145).

[2] Siehe dazu u.a.: Schmidt 1970; Negt 1974; Jaeggi/Honneth 1977.

[3] Insbesondere Nikolai Bucharin‘ Studie Theorie des Historischen Materialismus. Gemeinverständliches Lehrbuch, Hamburg 1921, kritisiert Gramsci scharf.

[4] Zur sozialen Revolution neuerdings: Aust 2017, S. 15ff.; klassisch: Geyer 1977, S. 118ff.

[5] Angeregt durch das Erscheinen der Deutschen Ideologie (1928) sowie in Auseinandersetzung mit Karl Mannheims Schrift Ideologie und Utopie (1929).

[6] Zur Marx’ Darwin-Rezeption neuerdings: Jones 2018. Zu Marx‘ Vita und Werk: Korsch 1967; Schmidt 1976, 1978a; Negt 1996; neuerdings: Jones 2017.

[7] Zum Vergleich BRD und USA auf der empirischen Basis von Frey & Osborne: BMAS 2015.

[8] Zur KI-Politik der Bundesregierung neuerdings: „Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie Künstliche Intelligenz vom 18.7.2018: www.bmwi.de

[9] Die neue „Datenschutz-Grundverordnung“ der EU und deren Allg. Geschäftsbedingungen (AGB) vom 25. Mai 2018 sind ein Spiegelbild der objektiven Verhältnisse und subjektiven Befindlichkeiten, die „Transparenz“ verspricht, für das Sammeln von Daten jedoch keine einheitlichen Richtlinien formuliert.

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