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Symbolisches Kapital, Macht und Mythos Jens Kastner 20 Dezember, 2018 - 11:32

Im Feld der Kunst wird symbolisches Kapital bzw. Reputation als wesentlich für die Bestimmung künstlerischen Werts angesehen. Die künstlerische Qualität einer Position wird gemeinhin als abhängig davon gedacht, welche Anerkennung sie im Feld der Kunst generieren kann. Der Prozess der Zuschreibung von Reputation folgt je nach Kontext unterschiedlichen Regeln und ist stark von kulturellen Traditionen geprägt. Im deutsch- und französischsprachigen Raum dominiert eine Vorstellung, nach der die Bewertung künstlerischer Qualität im Rahmen eines autonomen künstlerischen Diskurses erfolgen sollte. Wertzuschreibung sollte demnach im Rahmen einer Selbstgesetzgebungdes künstlerischen Feldes stattfinden, d.h. durch Institutionen, die auf die Erfordernisse der künstlerischen Produktion ausgerichtet sind. 

Diese Sichtweise ist eng mit dem Prozess der europäischen Aufklärung verbunden. Ihr liegt die Vorstellung einer Ausdifferenzierung der Gesellschaft in eigenlogische Handlungssphären (Locke, Kant) zugrunde. In dieser Tradition sieht etwa Max Weber die kulturelle Moderne dadurch charakterisiert, dass ein vormals einheitliches, durch Religion und Metaphysik zusammengehaltenes Weltbild, in unterschiedliche Momente der Vernunft auseinandertritt: Wahrheit, normative Richtigkeit und Authentizität bzw. Schönheit. In der Neuzeit kommt es so zu einer Ausdifferenzierung der Wertsphären Wissenschaft, Moral und Kunst. In den entsprechenden kulturellen Handlungssystemen werden wissenschaftliche Diskurse, moral- und rechtstheoretische Untersuchungen, werden Kunstproduktion und Kunstkritik als Angelegenheit von Fachleuten institutionalisiert. Die professionalisierte Bearbeitung der kulturellen Überlieferung unter verschiedenen Geltungsaspekten lässt so auch die Eigengesetzlichkeiten des ästhetisch-expressiven Wissenskomplexes hervortreten. Von kultisch-kirchlichen und höfisch-mäzenatischen Bindungen gelöst, etabliert sich eine vom Markt abhängige Kunstproduktion, ein durch eine professionalisierte Kritik vermittelter, zweckfreier Kunstgenuss und ein spezifisches Selbstverständnis der Künstler*innen. 

Unter Bedingungen der Gegenwartsgesellschaft sieht man diese künstlerische Autonomie zum einen durch Prozesse einer Esoterisierung, einer Abspaltung der gesellschaftlichen Sphäre von der Alltagswelt (Habermas, Luhmann), zum anderen durch Ökonomisierungsprozesse (Adorno/Horkheimer, Bourdieu) bedroht. Die erste Diagnose sieht die kognitiven Potentiale der Kunst kaum mehr an die gesellschaftliche Praxis, d.h. an eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse rückgebunden und manifestiert sich in kulturpolitischen Forderungen nach einer „Kultur für alle“, kulturpädagogischen Vermittlungsbestrebungen und der Konjunktur des Themas der Kulturellen Bildung. Im Rahmen dieser Positionen wird der utopische Horizont der bürgerlichen Gesellschaft mit den Idealen eines humanistisch geprägten europäischen Bürgertums aufgerufen. Man versucht hier, die in eigengesetzlicher Entwicklung entstandenen Hochformen der Kunst über pädagogische Maßnahmen an die alltagweltlichen Lebenswelten zurückzubinden und so zwischen Kunst und Leben zu vermitteln. Ein Eingreifen in die feldinternen, eigengesetzlichen Wert- und Reputationszuschreibungen der Kunst verbietet sich vor diesem Horizont eigentlich. Diese Haltung findet jedoch ihre Grenzen in Fragen danach, wie mit öffentlichen steuerfinanzierten Fördergeldern umzugehen ist und welche Rolle Besuchszahlen und Fragen der Auslastung kultureller Einrichtungen in demokratischen Gesellschaften spielen dürfen und sollen (vgl. hierzu etwa die Geschehnisse um Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen). Die zweite Diagnoseerkennt eine feindliche Übernahme, eine Intrusion (Bourdieu) der Kunst durch ökonomischen Imperative. Man sieht hier die Kunst monetarisiert, Kunstwerke in Waren verwandelt; fürchtet eine Veralltäglichungder Kunst, die im Rahmen einer Entkunstung der Kunst(Adorno), die Kunst nur zu einem weiteren Bereich der omnipräsenten Kulturindustrie degradiert und so jede Widerständigkeit gegen die Herrschaft des Geldes neutralisiert. Unter diesen Bedingungen wird dann der Verkaufserlös(Velthuis) als wesentlich für die Reputation eines Künstlers/ einer Künstlerin angesehen. Wenig marktgängige Positionen laufen unter diesen Bedingungen Gefahr marginalisiert zu werden (vgl. hierzu etwa die Auseinandersetzungen um Chris Dercon an der Berliner Volksbühne). 

Diese unterschiedlichen Diagnosen offenbaren nur allzu deutlich, in welchem Ausmaß die Frage nach der Reputation und vor allem die Frage danach, wie Reputation gesellschaftlich hergestellt wird, durch und durch von Fragen nach Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogen ist und 
Gegenstand eines fortwährenden Kampfes um die Durchsetzung legitimer Weltsichten, d.h. um kulturelle Benennungsmachtund symbolische Herrschaftist (Bourdieu). Im Kontext der Forderung ‚pay the artist now!‘ offenbaren sich hier auch die Lasten einer kulturellen Tradition, in deren Rahmen sich Künstler*innen als Bohème gerieren, die Gelderwerb kaum als Zielsetzung artikulieren und dies wohl auch deshalb, weil sie häufig aus wohlhabenderen Familien kommen (Abbing). Durch diese künstlerische Selbstwahrnehmung tragen sie selbst ein stückweit dazu bei, Armut als Teil des Mythos der Kunst zu reproduzieren.


Nina Tessa Zahner ist Professorin für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf. 


Abbing, Hans (2010): Why are artists poor? The exceptional economy of the artsAmsterdam.
Bourdieu, Pierre (2005): Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes
Frankfurt/Main.
Velthuis, Olav (2005): Talking prices. Symbolic meanings of prices on the market for contemporary art
Princeton.


 

Dieser Text erscheint in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst (Wien), Nr. 48, Winter 2018/19, „pay the artist now!“
 

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